Magdalena Himmelstürmerin

Uraufführung
Ein opulenter Theaterabend aus der Lutherzeit über einen Wendepunkt der europäischen Geschichte von Rudolf Herfurtner

Regie
Thorsten Krohn
Komposition und musikalische Einstudierung
Martin Zels
Bühne
Andreas Wagner
Kostüme
Ulrike Schlemm
Es spielen
Lucca Züchner
(Mezzo)
Markus Campana
(Tenor)
Stefan Mascheck
(Bass-Bariton)
Nick-Robin Dietrich
(Bariton)
Rafael Mayer
(Bass-Bariton)
Verena Rendtorff
(Mezzo-Alt)
Regina Speiseder
(lyrischer Sopran)
Panos Papageorgiou
(Puppenspieler)

Spielort

Großer Saal

Dauer

ca. 90 Minuten

Alter

Ab 12 Jahren

Premiere

15. Oktober 2016

Magdalena ist 14 Jahre alt, als der Augustinermönch und Theologieprofessor Martin Luther seine 95 Thesen an die Türen der Schlosskirche in Wittenberg schlägt. Das Thema ist der damals weit verbreitete Ablasshandel.
Wie schmutzig dieses Geschäft  ist, hat Magdalena am eigenen Leib bitter erfahren. Bei einem Bergwerksunglück kommt ihr Vater ums Leben und der kleine Bruder wird schwer verletzt. Da die Mutter die Entschädigungssumme nicht für einen Arzt, sondern für einen Ablass ausgibt, stirbt auch der. Daraufhin verliert die Mutter jeden Lebensmut. Sie kann das Haus nicht mehr halten, kommt ins Armenhaus, und Magdalena wird zur Tante nach Wittenberg geschafft.
Magdalena erlebt Wittenberg als ganz neue Welt. Sie stürmt von einer neuen Erfahrung zur nächsten und das von den Eltern vermittelte altmodische Weltbild bricht zusammen. Sie verliert den Glauben an die Wirksamkeit eines Ablasses. Stadtdessen lernt Magdalena die Kunst des Heilens und des Lesens. Dann hört sie die Thesen von Martin Luther und verliebt sich zum ersten Mal in einen Anhänger der Lutheraner. So gerät sie immer tiefer in den Strudel der kirchlichen und politischen Auseinandersetzungen der Zeit.
Ein opulenter Theaterabend über einen Wendepunkt der europäischen Geschichte aus der Sicht eines Mädchens in einer Welt der Gläubigen und Ungläubigen, der Räuber und Henker, der Händler, Apotheker, Feuerkünstler, Weltuntergangsprediger, der guten Seelen und mutigen Frauen.

Nächste Termine

04. Mai, 10:30

05. Mai, 10:30

06. Mai, 19:30
Einführungsgespräch 18:45

Karten

Magdalena Reinprecht lebt in einer Umbruchszeit vor ungefähr 500 Jahren. Da sie in der Region lebt, in der die Reformation ihren Anfang nahm, wird sie Augenzeugin des Wirkens von Martin Luther, dem Augustinermönch und Kirchenreformer. Sie ist ein junges Mädchen zwischen Kind und Frau. Und sie hat viele Eigenschaften, die damals nicht zu Frauen „passten“. Sie ist wissbegierig, will sich nicht auf die damals traditionelle Rolle zwischen Herd und Haus beschränken lassen und hat einen wachen Kopf. Nicht von Anfang an ist sie das himmelstürmende Mädchen; den nötigen Mut entwickelt sie aufgrund ihrer Erlebnisse und Erfahrungen, die ihr das Schicksal aufbürdet.
Das Stück nach dem gleichnamigen Roman von Rudolf Herfurtner beleuchtet Weg und Werdegang eines Mädchens in der Zeit zwischen Mittelalter und Neuzeit und erzählt davon, was in einer anderen Epoche über die Welt gesagt und gedacht wurde. Wir

wissen, dass das Interesse an Historie nicht selbstverständlich ist, vor allem junge Menschen neigen dazu, Geschichte nur auf Auswendiggelerntes ohne Zusammenhänge zu reduzieren. Erzählen kann dazu beitragen, die Welt zu begreifen und für uns heute handhabbar zu machen, wenn es um Reflexion statt Information geht. Sich in der Vergangenheit umzuschauen, sich in bereits gemachte Erfahrungen hineinzuversetzen, kann sehr viel Inspiration geben und Mut machen im eigenen Leben. Wer sich vorstellen kann, dass es ein Leben vor dem eigenen gab, der kann sich auch leichter ein Bild von persönlichen Wünschen und Vorstellungen des eigenen Lebens machen. Welcher junge Mensch möchte nicht gerne Himmelstürmer sein? Dabei kann erzählte Geschichte helfen, die untersucht, wie Gegenwart und Vergangenheit ineinander greifen, wie eins das andere beeinflusst.                weiterlesen

Das Stück beginnt mit einem Donnerschlag in Jüterbog. Vater Reinprecht ist ein erfahrener Bergmann, der schon viele Kupfer-Stollen aufgeschlagen hat. „Wenn sie einen neuen Stollen aufbrechen, machen sie da drin ein großes Feuer, bis der Felsen rot glühend wird. Dann kaltes Wasser drauf, damit der Stein bricht.“ Seit alters gibt es feste Rituale, die vor einem solchen Prozess abgehalten werden, um von Gott den nötigen Bergsegen zu erhalten. Aber diesmal ist die Spannung noch größer, weil Magdalenas kleiner Bruder zum ersten Mal mit in den Berg gehen wird. Der Verwalter Thyrlin hält derartige Zeremonien für Geisterhumbug. Die neue Zeit hat modernes Arbeitsgerät gebracht. Entwässerungsanlagen, Pumpwerke, Aufzüge und Hammerwerke sollen helfen, das Metall effektiv aus dem Berg zu befördern. Das alles kostet Geld. Und Thyrlin fühlt sich mehr seinem Dienstherrn verpflichtet als den Bergleuten. Deshalb wird mit weniger Schalungsbrettern gearbeitet, auch die tragenden Stützen sind dünner als früher. Dasbleibt nicht folgenlos.
Ein Zittern und Beben, ein tiefes Grollen im Inneren des Berges.

Etwas Schreckliches passiert, ein Grubenunglück, bei dem Magdalenas Vater und die anderen Bergmänner umkommen. Der kleine Bruder wird zunächst gerettet, aber auch er überlebt nicht.
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Um die Jahrhundertwende zwischen dem 15. und 16. Jahrhundert litten die Menschen unter einer ständigen Angst vor Hunger, Epidemien, Krieg und Massensterben. Einer der europaweit mächtigen Arbeitgeber für diejenigen, die nicht als Bauern oder Handwerker lebten, war in dieser Zeit das Augsburger Handelshaus der Fugger. Die Säulen ihres Geschäfts waren Fernhandel, Bankgeschäfte und der Bergbau. Die Fugger kontrollierten den europäischen Kupfermarkt, sie machten Geschäfte mit allen Herrschern der damaligen Zeit, egal ob Papst oder Kaiser. Ihr Vermögen versechsfachte sich in weniger als 20 Jahren. Jakob Fugger galt als einer der bedeutendsten Unternehmer Europas. Und damals wie heute gilt: Unternehmer schaffen Wohlstand, aber nicht für alle. Die Fugger finanzierten Kriege und machten Geschäfte mit dem Papst.

Mit einer lächerlich kleinen Summe entschädigt die Bergbau-Gesellschaft Mutter Reinprecht für den Verlust des Ehemanns. Statt einen Arzt von diesem Geld zu bezahlen, der den kleinen Sohn retten könnte, kauft die Mutter einen Ablassbrief. Wie alle Bewohner der Stadt hört sie dem Ablassprediger Johannes Tetzel bei seinem pompösen Auftritt auf dem Marktplatz zu. Dieser Mann hat ein so beeindruckendes Auftreten und so ein großes Talent, den Menschen als Sünder und Versager vor Gott ein schlechtes Gewissen einzureden, dass fast jedermann aus Angst vor Verdammnis und Höllenqualen solch einen Ablassbrief kauft. Magdalena ist verzweifelt, weil sie erkennt, dass die Mutter das Falsche tut. Umsonst. Und der kleine Bruder stirbt.
 
Der Ablasshandel war eine ungeheuer erfolgreiche Geldquelle. Der Papst in Rom erteilte einen Ablass, der durch ein weit

verzweigtes Netz von Händlern vertrieben wurde. Einer der erfolgreichsten war Johannes Tetzel. Durch den Kauf eines Ablasses konnte man sich von zeitlichen Sündenstrafen freikaufen. Die Vorstellung war, dass alle Menschen vor dem Jüngsten Gericht Rechenschaft über ihre Sünden ablegen müssen. Um ins Paradies zu gelangen, musste man einen Feuerfluss durchqueren. Durch Gottesdienste, Gebete, Spenden für die Armen und auch Ablassbriefe konnte man sozusagen Bonuspunkte bekommen und diese reinigende Zeit im Fegefeuer verkürzen.
Das Geschäft mit der Angst vor Verdammnis führte im Mittelalter zu ungeheuerlichem Missbrauch. Und wieder hatten die Fugger die Hände im Spiel. Ab 1514 wurden die Einnahmen aus dem Ablasshandel und sonstige Abgaben über die Fuggerbank nach Rom transferiert. Auch die Wahl Kaiser Karl V. wurde mit Bestechung und Geld der Fugger ermöglicht.

Wenn Tetzel auftritt, versammelt sich die ganze Stadt auf dem Marktplatz. Wo aber Männer und Frauen, Händler und Kunden, Sünder und Fromme, Junge und Alte zusammenlaufen, da bekommen auch Diebe, Spitzbuben und Beutelschneider ihre Chance. Magdalena gerät in große Gefahr, als sie zwei Männer beim Diebstahl beobachtet. Um sie zum Schweigen zu bringen, bedroht einer der beiden, Rasso Brenz, sie mit einem Dolch. Doch Magdalena lässt sich nicht beirren, zeigt keine Angst. Sie weiß, was Recht und was Unrecht ist. Im Gespräch über die Strafe, die ihn für seine Tat vor Gott erwartet, argumentiert Rasso mit einem Ablassbrief, den er vorab erstanden hat und zeigt damit, wie absurd dieses Geschäft mit Gott ist. Magdalenas Weltbild bekommt erste Risse.
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In Westeuropa, in Paris oder Köln, wurde das durch den Ablasshandel eingesammelte Geld bei Bankiers oder der Fuggerbank eingezahlt, die dann briefliche Anweisungen nach Rom schickten, wo es wieder ausgezahlt wurde; sozusagen ein bargeldloser Zahlungsverkehr. In der Region von Wittenberg war

das Bankwesen noch nicht aufgebaut, die Geldtruhen (sog. Tetzelkästen) mussten von bewaffneten Eskorten gen Rom gebracht werden. Das hieß, das Geld wurde vor den Augen des Volkes abtransportiert. Diese Tatsache trug dazu bei, dass Luther mit seiner Kritik an diesen Vorgängen bei der regionalen Bevölkerung sehr schnell viel Zuspruch fand, die sich dann wie ein Strohfeuer ausbreitete (Wer Spaß hat, kann auf dem Stückplakat suchen, wie viel Tetzelkästen unser Graphiker eingebaut hat.).
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Geld ist nun keins mehr da. Die Mutter verzweifelt an den Umständen. Die Vorräte sind aufgebraucht. Haus und Kind verwahrlosen zusehends. Der Rat der Stadt beschließt, alles Hab und Gut zu verkaufen und vom Erlös die Mutter ins Armenhaus zu stecken. Magdalena soll nach Wittenberg zu ihrer Tante, die dort als Heilerin und Kräuterweib lebt. Die Mutter hat keine Kraft, sich gegen diese Entscheidung zu wehren. So wird vollstreckt, was der Rat beschlossen hat.

Für das Mädchen aus Jüterbog ist Wittenberg eine ganz neue Welt, sozusagen eine moderne, aufregende Großstadt. Bei ihrer Ankunft ist gerade Allerheiligenmarkt, wo alles nur Vorstellbare aufgeboten wird: Essen und Trinken, Kleidung und Putzwerk, Amulette gegen den bösen Blick, Narren und Weltuntergangspropheten, Artisten und Musikanten. Magdalena hört bald, dass ihre Tante Elsbeth Wallmann bei einigen Leuten als Hexe angesehen wird. Sie selbst allerdings ist tief beeindruckt von deren Wissen und Heilkünsten, die umgehend auf dem Marktplatz zum Einsatz kommen, als ein Feuerschlucker sich schwere Verbrennungen zuzieht und Hilfe gebraucht wird. Magdalena kommt aus dem Staunen nicht heraus, denn ihre Tante kennt sich nicht nur in der Kräuterheilkunde sehr gut aus, sie kümmert sich auch um elternlose Pflegekinder. Eins davon ist Safi, ein Junge, der so schwer traumatisiert ist, dass er nicht spricht. Zu dieser Patchwork-Familie gehört ab sofort auch Magdalena.
Noch weiß sie nicht, dass die beiden Schurken Rasso und sein Kumpel Vigo ihr nach Wittenberg gefolgt sind. Sie ist viel mehr an den öffentlichen Diskussionen interessiert, die in der Stadt kursieren. Dabei trifft sie Veit Thyrlin, den Sohn des Bergwerkverwalters aus Jüterbog, der eine Mitschuld beim Bergwerksun-

glück trug. Dieser Veit Thyrlin gehört zu einer Gruppe von Studenten, die als leidenschaftliche Anhänger Luthers seine Thesen vertreten und verteidigen und gegen die Predigten Tetzels auftreten. Magdalena ist wie elektrisiert, als sie von ihm erfährt, dass in den 95 Thesen Martin Luthers steht, es sei besser zum Arzt zu gehen als einen Ablass zu kaufen. Sie fühlt sich bestätigt. Ab jetzt wird sie zur Himmelstürmerin.
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Die Residenz- und Universitätsstadt Wittenberg war Ende des 15. Jahrhunderts ein Ort des Aufbruchs. Sie profitierte vom Reichtum, den der Bergbau in die Region brachte. Aber auch Handel und Gewerbe blühten. Einer der reichsten Bürger war der Maler, Unternehmer und Apotheker Lukas Cranach, der wegen der guten wirtschaftlichen Bedingungen von Wien nach Wittenberg umgezogen war. Für diesen Boom war vor allem der sächsische Kurfürst Friedrich der Weise verantwortlich, einem der mächtigsten Herrscher seiner Zeit. Er war offen für alles Neue in Wissenschaft und Kunst und ließ Wittenberg im Stil der italienischen Renaissance aus- und umbauen. Außerdem war er ein wichtiger Förderer Luthers.

Ein Totenmarsch mit dumpfen Trommeln kündet davon, dass eine Räuberbande unter der Führung eines gewissen Vigo gefasst sei und zur Hinrichtung geführt wird. Magdalena erschrickt. Wo Vigo ist, kann Rasso nicht weit sein. Das gaffende Volk strömt zur Hinrichtung und muss erleben, dass eben jener Vigo dem Tod durch Erhängen entgeht, weil der Strick reißt. Ist das ein Gottesurteil?
Magdalena und Veit Thyrlin treffen sich öfter, als es der Tante lieb ist. Sie macht sich Sorgen, weil es sich für ein Mädchen nicht gehört, mit den Mannsbildern auf der Straße rumzustehen. Als aber Veit ihr ein Buch mit Heiligenlegenden schenkt, öffnen sich Türen. Die Wallmannin weiß, dass Lesen das Tor zu Wissen und Erkenntnis ist. Nur weil sie selbst die Kunst des Lesens beherrscht, konnte sie ihre Kenntnisse der Heilkunde erwerben. Damals war das für eine Frau eine ungewöhnliche Biographie. Und sie hat längst bemerkt, dass Magdalenas Neugier und Eifer immer wieder gebremst werden, weil sie Analphabetin ist. Deshalb lädt sie Veit ein, Magdalena zu unterrichten, damit das Buch der Legenden überhaupt einen Sinn macht.
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Zwei Faktoren spielten eine wichtige Rolle bei der Verbreitung von Luthers Gedanken und Schriften. Da ist zum einen die Tatsache, dass Luther die Bibel ins Deutsche übersetzte. Seine sprachliche Kraft begeisterte breiteren Schichten dafür, selbständig die lebendige Botschaft wirken zu lassen – wenn sie des Lesens kundig waren.
Der zweite wichtige Faktor für die Verbreitung der Lutherschen Gedanken war die Erfindung des Buchdrucks ungefähr 65 Jahre vor dem Anschlag der Thesen zu Wittenberg. Zwischen 1445 und 1500 entstanden über tausend Druckereien in ganz Europa. Um die
Bedeutung zu veranschaulichen, könnte man

sagen, dass diese Erfindung damals eine ähnliche Wichtigkeit hatte wie heute das Handy für Schutzsuchende und Flüchtlinge aus Syrien, Irak oder Afrika: Das Tempo der Informationsübermittlung vervielfacht sich und verändert alles.
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Von all dem Neuen schwirrt Magdalenas Kopf, als es zu einer Begegnung zwischen Rasso und Veit kommt. Beide verhalten sich wie Rivalen im Kampf um Magdalenas Gunst. Und Rasso hat sich vom Kleinkriminellen zu einem Anhänger Thomas Müntzers entwickelt, der weit radikalere Gedanken vertritt als Luther. Das hat gute Gründe: Rasso kommt aus einer ehrbaren Familie, die einen kleinen Bauernhof vom Kloster gepachtet hatte. Weil der Abt den Vater rücksichtslos als Treiber bei der Jagd verpflichtet, stirbt zuhause die einzige Kuh, der Familie ist die Existenzgrundlage genommen. Armut und Obdachlosigkeit sind die Folge.
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Der Theologe Thomas Müntzer war zunächst Weggefährte Luthers, entwickelte dann aber radikalere gesellschaftspolitische Vorstellungen als Luther. Müntzer spielte eine wichtige Rolle während des deutschen Bauernkriegs (1524 – 1526), der sieben Jahre nach dem Thesen-Anschlag begann. Müntzer wurde vor allem als geistiger Anführer eines thüringischen Heeres wichtig. Die Bauern forderten eine Reduzierung ihrer Lasten und Dienste gegenüber den Feudalherren, die Abschaffung der Leibeigenschaft, die Freiheit der Jagd und des Fischfangs. Die Reformationsbewegung ermutigte die Bauern, sich gegen Missstände zu wehren, aber der Aufstand wurde durch die Fürsten blutig nieder geschlagen. Luther wandte sich nach anfänglicher Vermittlung gegen die Bauern.

Wenn die Welt sich um Umbruch befindet, wenn Menschen in Gewissensnot geraten, wenn sie Ungerechtigkeit erkennen und keinen Ausweg sehen, dann geraten sie auf Abwege. Einem ehrenwerten Bürger der Stadt stirbt der Sohn. Weil seine Frau heimlich Hilfe bei der Wallmannin gesucht hatte, wird sie verhaftet und der Hexerei verdächtigt. Ihr Haus wird Opfer der Flammen und Safi - das stumme Pflegekind - schwer verletzt. Magdalena erinnert sich an ihren verstorbenen Bruder, dessen Behandlung nicht bezahlt werden konnte. Das soll sich nicht wiederholen. Rasso und Veit helfen auf fragwürdige Weise, Geld und Arzt zu besorgen. Und dann müssen sie Magdalena aus der Gefangenschaft von Vigo befreien, der inzwischen für die Inquisition arbeitet und entdeckt hat, woher das Geld für Safis Rettung kam. Er will das Mädchen als Opferstockfrevlerin anzeigen und droht ihr Folter an.

Die Inquisition war im Mittelalter eine kirchliche Untersuchungsbehörde zum Schutz der Kirche vor Kritikern, Abweichlern und Ketzern. Das Inquisitionsverfahren erlaubte Folter zur Wahrheitsfindung. Der Feuertod galt als Akt der Rettung vor ewiger Verdammnis.
Als Luther noch sehr jung war (1486) erschien der sogenannte „Hexenhammer“, ein Werk der päpstlichen Inquisitoren, das die Hexenverfolgung legitimierte. Eine große Zahl von Hexenprozessen begann mit dem Ziel der Seelenrettung. Die Verfolgungen richteten sich vor allem gegen sozial unangepasste Frauen, wie Elsbeth Wallmann eine war. Der Hexenhammer führte bis ins 17. Jahrhundert zu Denunziationen statt ernsthafter Anklagen und zur Anwendung der Folter.

Dann überschlagen sich die Ereignisse. Wie Magdalena aus dem Kerker befreit wird, wer bei der Rettung unter großer Gefahr hilft, ob die Wallmannin dem Feuertod entgeht und doch ein Erlöser in höchster Not auftaucht, das alles kann der Zuschauer mit Magdalena erleben. Diese Himmelstürmerin macht die Erfahrung, dass man trotz der Allgegenwart von Leid, Gewalt und Tod

Gewissensnöte besiegen kann, wenn man eigenständiges Fragen und Denken nicht aufgibt. Mit unbestechlichem Blick lernt sie, schlau den richtigen Moment abzuwarten, auf die eigenen Kräfte zu vertrauen, wahre Freunde zu finden und nie die eigene Position für einen schnellen Vorteil zu verraten. Als Himmelstürmerin überwindet sie alles Dunkle und Niederschmetternde.

Wenn der rote Vorhang sich öffnet, sieht man ein sparsames Bühnenbild von Andreas Wagner aus wenigen Versatzstücken. Und sofort ist klar: Diese Inszenierung von Thorsten Krohn arbeitet wie ein historisches Volksschauspiel. Wenn die achtköpfige Wandertheater-Truppe von Magdalenas Werdegang und Schicksal erzählt, dann ist alles immer Spiel und niemals Nachahmung von Wirklichkeit. Man könnte die Bühne als ein großes Welttheater betrachten, auf der durch Schauspielkunst, die Kraft der Musik und die imposanten Kostüme von Ulrike Schlemm alles möglich und glaubhaft ist. Eine Gauklertruppe gaukelt uns die Welt vor fünfhundert Jahren vor und zeigt eine einschneidende Zeitenwende unserer Geschichte mit Ernsthaftigkeit und zugleich auch viel Humor. Fliegende Kostümwechsel auf offener Bühne, Spektakel, Musikanten, Feuerspucker, Puppen und großartige Musik verhindern jeden verstörenden Naturalismus.
Die Reformation veränderte die Welt nicht nur, indem sie zu Kirchenspaltung und schrecklichen Kriegen führte, sie sorgte auch für mehr Teilhabe der Menschen am religiösen Leben. Luther war nicht nur derjenige, der die Bibel ins Deutsche übersetzte. Durch ihn wurde die Kirche zu einem Ort, wo Besucher Musik erleben und verstehen konnten, denn der Gemeindegesang erklang nun auf Deutsch. Viele Lieder, die als von Luther geschaffen gelten, sind eigentlich Übersetzungen, Erweiterungen, Neutextierungen.

Im Mittelalter, in der Zeit vor Luther, spiegelte die Musik die Beschäftigung mit Jenseitigkeit und Düsternis. Mit der Renaissance wird Musik Ausdruck von Licht; Helligkeit und Glück kommen also nicht erst nach dem Tod, sondern sind Zeichen von Gegenwart und Lebendigkeit.
Ein wichtiger Vertreter dieser Öffnung hin zu den Gläubigen war Johann Sebastian Bach, der seinen Glauben, seine Lesart der Bibel, sein Genie jede Woche in einer neu komponierten Kantate veröffentlichte. Das Luther zugeschriebene „Ein feste Burg ist unser Gott“ war ein einstimmiges Lied, das Bach zum Zentrum einer seiner Kantaten machte.
Das Wissen um die Bedeutung der Musik in der damaligen Zeit hat den Komponisten Martin Zels bei seinen Arbeiten für diese Aufführung geleitet. Wiederholt berichten die Schauspieler mit Liturgien, Gesängen, Chören oder instrumentalen Melodien von den Seelennöten, Hoffnungen, Freuden, Ängsten und der Liebe ihrer Figuren. Der Referenzrahmen für die Kompositionen war die Zeit Luthers. So hat Martin Zels zum Beispiel die genannten Bach-Kantate für 8 Schauspieler, 1 Trommel, 2 Bass-Monochorde, Viola und 1 Kirchenglocke bearbeitet. Die Musik hat durchgehend die Aufgabe, Trost zu spenden und beim Überwinden der Angst in finsterer Zeit zu helfen. Denn mit Angst kann man nicht zum Himmelstürmer werden.

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