Intimate Stranger

Spielort

Großer Saal

Dauer

105 Minuten

Alter

Ab 13 Jahren

Premiere

25. Februar 2012

Man wohnt Tür an Tür, aber man weiß fast nichts voneinander. Man begegnet sich zufällig und unverhofft, entspinnt eine vage Fantasie vom Leben des Anderen und ahnt nicht, wie ähnlich die Sehnsüchte, Ängste und Hoffnungen in Wirklichkeit sind. Tanztheater von Johanna Richter, wie immer nah am Menschen und der unerträglichen Leichtigkeit des Seins.

Die sechzigste und letzte Vorstellung zeigen wir voraussichtlich innerhalb von SCHLUSSAKKORDE Ende Juni.

Nächste Termine

23. Juni, 19:30
Schlussakkorde = 5€

Karten

Intimate Stranger“ – der Titel ist ein Widerspruch in sich.

Seit 2004 arbeitet die Choreographin Johanna Richter regelmäßig an der Schauburg („Meeting Point“, „U-turn“, „So far so close“), denn Tanztheater ist eine Theaterform, die sich besonders gut für Jugendliche eignet. Wenn man sich anschaut, wo Jugendliche sich in ihrer Freizeit aufhalten, wie sie kommunizieren, wo ihre Vorbilder sind, wie Jugendkultur sich äußert, dann ist klar, dass Physis, Haltung, Körperlichkeit untereinander oft stärkere Ausdrucksmittel sind als Sprache. Diese Wahrnehmung ist oft Ausgangspunkt für Johanna Richters Arbeiten: Sie beleuchtet aus unterschiedlichen Blickwinkeln die multikulturelle Welt von heute und trifft damit die Weltwahrnehmung von Jugendlichen. Wir haben sie zu ihrer neuesten Choreographie befragt.

Intimate Stranger“ – der Titel ist ein Widerspruch in sich. Unter einem engen Freund (Intimate Friend) kann sich jeder etwas vorstellen. Wie definierst Du „Intimate Stranger“?

Der „Intimate Stranger“ ist der Fremde, der in meiner Nachbarschaft lebt, dem ich täglich begegne und zu dem ich dennoch Abstand halten will. Aufgrund räumlicher Enge gelingt diese Distanzwahrung allerdings nicht. Man wohnt Tür an Tür und weißt trotzdem nichts von einander. Nah und gleichzeitig Fremdsein ist kein Widerspruch. Man denke nur an die U-Bahn: Man sitzt eng neben einander und hat trotzdem nichts miteinander zu tun.
Ich finde, das ist ein wesentliches Thema in der heutigen Zeit. Vor allem in der Großstadt sitzt man oft so nah aufeinander und ist mit Enge vertraut, obwohl sie unangenehm sein kann. In der U-Bahn, im Lift, in der Arzt-Praxis. Man berührt sich und versucht gleichzeitig, seinen Raum zu bewahren.

An der Produktion sind sowohl Tänzer wie auch Schauspieler beteiligt. Besteht der Abend aus zwei Teilen?

Nein. Der Abend ist eine Einheit aller Beteiligten. Wir begegnen uns auf einer gemeinsamen Ebene, der Bewegungssprache. In den Proben suchen wir nach Kommunikation durch alle Mittel, die man spielerisch und tänzerisch zur Verfügung hat. Es gibt keinerlei Trennung von Tanzen und Spielen, eher eine gegenseitige Bereicherung bei der Suche danach, wie man eine Situation erzählen kann. Die Tänzer bringen ihre Bewegungsfantasie ein und die Schauspieler ihre Erfahrung mit situativem Erleben (oder auch die Sprache).

Muss man ein erfahrener Tanzliebhaber sein, um Zugang zu Deiner Arbeit zu finden?

Am liebsten sind mir Zuschauer, die nichts mit Tanz zu tun haben. Mich interessiert die Übersetzung menschlicher Geschichten in das Vokabular des Körpers. Anders als bei Abstraktem Tanz kann jeder Zuschauer meine Geschichten verstehen. Es geht um das Miterleben von Geschichten.

Du erzählst in diesem Abend eine nachvollziehbare Geschichte?

Ja. Es ist eine Geschichte. Sechs Nachbarn wohnen auf einem Stockwerk und haben fast nichts miteinander zu tun. Jeder lebt für sich in einem Appartement. Das alltägliche Leben bekommt nach und nach Risse, dadurch müssen sie sich plötzlich begegnen. Und so entsteht unmerklich etwas, was sie bisher nicht erlebt haben: Ein Miteinander.
In ihrem alltäglichen Rhythmus hat jeder seinen Platz. Wer nicht den Lift mit dem Nachbarn teilen will, wartet, bis dieser nach unten gefahren ist, ehe er selbst die Wohnung verlässt. Wenn der Nachbar allerdings seinen Schlüssel vergessen hat und noch mal zurückkehren muss, dann ist der alltägliche Rhythmus durchbrochen. Das Miteinander entsteht durch Zufälle, durch ganz banale Vorgänge.

Die Darsteller kommen aus 5 verschiedenen Ländern (Brasilien, Ex-Jugoslawien, Spanien, Griechenland und Deutschland). Ist die Internationalität nachvollziehbar für die Zuschauer oder ausschließlich Erfahrungsschatz während der Probenarbeit?

Man muss die Sprachen, die in „Intimate Stranger“ gesprochen werden, nicht beherrschen, denn es geht vor allem um das Nicht-Verstehen von sprachliche Kommunikation. Nur sehr wenige Menschen sprechen 5 Sprachen. Interessant ist, wie man sich begegnet, wenn man die sprachliche Ebene nicht zur Verfügung hat. Das Szenario von „Intimate Stranger“ ist im Grund ein Abbild unserer Zeit.

Inwieweit sind die Situationen für Jugendliche erkennbar, nachvollziehbar?

Man sitzt eng aufeinander und versucht, seinen eigenen Platz zu behaupten. Das kennen Jugendliche sehr gut. Man will nicht jeden treffen. Man möchte nicht mit jedem nah sein. Es geht um Menschen, die aus verschiedenen Gründen alleine leben. Tür an Tür. Das kennt auch jeder. Man hört das Leben der Nachbarn, ihre Musik, Geräusche zur falschen Tageszeit. Es geht um Nachbarschaft und nicht um Einsamkeit. Um Nachbarn, die man sich nicht aussucht. Am liebsten würde man sie vermeiden. Da das nicht geht, muss man sich arrangieren.
Es geht auch um Toleranz und Konfrontation. Einer will einen sauberen Flur, der andere schmeißt seinen Dreck hin. Einer findet eine Pflanze schön, der andere hält das für Müll. Ein Neuer zieht ein, man weiß nicht, wer. Wenn ein Nachbar grüßt, sagt er „Chalkidis“. Ist das ein Gruß oder sein Name? Sprachverwirrung ist ein weiteres Thema. Viele kennen das aus den Ferien. Wenn man Worte nicht versteht und versucht, mit Händen und Füßen zu „reden“.

Ist „Intimate Stranger“ ein trauriger Theaterabend über traurige Menschen?

Die Verständigungsversuche sind sehr komisch. Da entstehen alle Nuancen von Hilflosigkeit, Humor und Aggression, wenn es nicht weitergeht. Aber es ist nie ausweglos. Wenn etwas nicht funktioniert, dann suchen sie einen anderen Weg. Und irgendwann begreifen sie, dass sie sich zusammentun sollten. Erst Schritt für Schritt erfahren die Figuren, dass Gemeinschaft überhaupt möglich ist. Man kann jenseits der Sprache zu einem Team werden, wenn man das Einverständnis hat, jedem seinen Platz zu lassen. Dafür ist es nicht nötig, den Nachbarn in seiner Wohnung zu besuchen oder einen Sprachkurs zu belegen. Gemeinschaft kann aus sich heraus einstehen, ohne dass jemand etwas verordnet.
Die Sechs haben die Chance auf eine gemeinsame Erfahrung jenseits von allem, was sie bisher erlebt haben. Aber sie geben nicht auf, weil sie ahnen, dass es sich lohnt. Sie durchlaufen viele Momente, in denen der Zuschauer nicht mehr an ein Weitermachen glaubt.

Warum sind keine Schauspielerinnen/Tänzerinnen dabei?

Für mich ist das Stück wie eine Versuchsanordnung. Jeder lebt auf 35 qm. Jeder ist männlich. Jeder hat die gleiche Ausgangssituation. Nur in ihrer Herkunft unterscheiden sie sich. Was macht jeder, abhängig von seinem Charakter und seiner Kultur, aus dieser Situation? Das fand ich interessant. Wenn Frauen dabei wären, dann würden andere Geschichten entstehen. Genauso gut hätte ich diese Versuchsanordnung auch mit sechs Frauen machen können.

Haben die Figuren krasse Biographien?

In meiner Fantasie haben die Sechs ein ganz reales Leben. Für jeden habe ich eine Biographie entworfen. Einer ist extremer Ordnungsfanatiker, der Nähe nur durch Kontrolle erträgt. Einer will völlig unerkannt sein. Einer kann jeden Quadratmeter zum kuscheligen Wohnzimmer machen und ein anderer füllt die Leere seines Lebens mit Material. Einer wohnt nur da, weil ihn die Arbeit dazu zwingt und einer fürchtet, in der eigenen Leere unterzugehen. Alle haben unterschiedliche Energien, verschiedene Lebensentwürfe und Lebensgeschichten.
Es sind sechs normale Menschen in Alltagsklamotten, wie man sie jederzeit auf der Straße treffen kann. Ohne Klischee.

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