Angst essen Seele auf

Angst essen Seele auf

Spielort

Großer Saal

Dauer

ca. 90 Minuten

Alter

Ab 15 Jahren

Premiere

22. April 2017

von Rainer Werner Fassbinder

 

Im Original-Drehbuch von Rainer Werner Fassbinder ist die Rolle des Ali mit einem Marokkaner besetzt. Aus gegebenem Anlass ist das in unserer Inszenierung ein Afghane. Dementsprechend sind alle ländertypischen Verweise angepasst. Wir danken dem Verlag der Autoren , dass wir die entsprechenden Änderungen vornehmen konnten.

Nächste Termine

03. Juni, 19:30
Zusatzvorstellung

05. Juni, 19:30
Zusatzvorstellung

19. Juni, 19:30
Schlussakkorde = 5€

Karten

„Ich bekomme Unterstützung von Freunden und meiner Familie, aber ich weiß nicht, wie lange ich so leben kann. Ich will nur in Sicherheit sein. Ich versuche, die Hoffnung nicht zu verlieren. Aber ich habe Angst, dass es eines Tages wieder so weit ist, dass ich fliehen muss, um mich in Sicherheit zu bringen.“
(Ahmad Shakib Pouya in einem Interview mit Spiegel Online während seines Aufenthalts in Kabul, Februar 2017)

Unruhige Zeiten und gesellschaftliche Verwerfungen erfordern spontane Spielplanreaktionen der Theater. Eine Folge der zahlreichen Konflikte, des Terrors und Hasses, sowie vieler Naturkatastrophen ist die hohe Anzahl von Menschen, die als Kriegs- oder Armutsflüchtlinge Sicherheit und eine bessere Zukunft für sich und ihre Familien in Europa suchen. So wurde die Frage nach der Abschottung vor dem Fremden in den letzten Jahren ein großes Thema in ganz Europa und zu einem Prüfstein für die Demokratie. Da die Gegenwart unsicher und feindlich erscheint, hat sich die Sehnsucht nach einem verklärten Früher breit gemacht und den

Ruf nach Abschottung in der Bevölkerung geweckt. Niemand behauptet, dass die Zeiten unbeschwert sind. Fürchterliche Attentate und Gewaltakte in Deutschland und ganz Europa erschrecken nicht nur die Bevölkerung, sondern liefern Rattenfängern und Heilsversprechern immer neue Argumente für Diskriminierung und Abwehr der Fremden.

Keiner ist naiv. Niemand sagt, alle sollten mit offenen Armen und bedingungslos aufgenommen werden. Jedem ist klar, dass der Ausnahmezustand im Herbst 2015 von Kriminellen und Terroristen als Chance genutzt werden konnte. Diese müssen herausgefiltert und rechtsstaatlich behandelt werden. Fest steht ebenfalls, dass viele der Neuangekommenen durch Schlepper mit unrealistischen Versprechungen ins Land gelockt werden, die Europa eher als Märchen-Schlaraffenland zeichnen und mit der Wirklichkeit in Europa nichts zu tun haben. Diese Menschen werden sich kaum hier zurecht finden.

2017 wird (nicht nur) in Deutschland gewählt. So wird die Frage, wie wir all den Menschen begegnen, die nicht hier geboren wurden, die als Migranten, Flüchtlinge, Kriegsopfer oder Opfer falscher Versprechungen kamen, zu einer zentralen Frage. Vorurteile und Falschmeldungen prägen die Wahrnehmung ebenso wie konkrete Erfahrungen, teils positive, teils negative. Inzwischen ist daraus ein scheinbar unauflösliches Knäuel von Unsicherheit, Ablehnung, Neid, Angst und Wut entstanden. Auf diese gefährliche Mischung muss Politik unter dem Druck des Wahlkampfes reagieren. Besonnenheit hat es unter solchen Bedingungen sehr schwer. Auch Politiker haben Angst. Angst, ihr Mandat, ihr Ansehen, die berufliche Existenz zu verlieren. Und ganz schnell

verwandeln sich Flüchtlinge in statistisches Material, das „bearbeitet“ werden muss. Sichere Herkunftsländer werden neu definiert und fragwürdige Vereinbarungen mit diesen Ländern getroffen. Und immer ist viel Geld im Spiel, mit dem sich Politik freikaufen möchte. Auf der Strecke bleibt dabei der Artikel I unseres Grundgesetzes, der festlegt, dass die Würde des Menschen unantastbar sei. Damit sind alle Menschen ohne Unterschied gemeint. Trotz aller Probleme muss sich die Politik gemeinsam mit allen Bürgern dafür einsetzen, dass bestimmte Rechte weiterhin für alle Menschen gelten. Ansonsten ist der Rechtsstaat in Gefahr. Würde und Freiheit sind Rechte, die niemandem abgesprochen werden dürfen.

„Hier ist sowieso nichts zu berichten außer Probleme und Stress. Hoffentlich höre ich bald etwas Gutes aus Deutschland. Ich kann nur sagen, dass ich dankbar bin, dass Ihr alle versucht, mir zu helfen.“
(E-Mail Botschaft von Pouya aus Kabul am 7. März 2017)

Theater ist ein Marktplatz der Meinungen. Das Theater kann ein Ort sein, um zu Besonnenheit aufzufordern und Vorurteile zu bekämpfen. Theater kann Geschichten erzählen und so dem Schicksal ein Gesicht geben. Darin liegt eine große Chance: Zuschauer lassen sich von einem Schicksal berühren, Handlungen und Haltungen werden nachvollziehbar, Kriterien für Gerechtigkeit und Empathie stellen sich ein. Ein Perspektivwechsel kann zu einem neuen Blickwinkel führen. Die Frage, warum wir Fremden mit Misstrauen und Ablehnung begegnen, wird möglicherweise zum erstenmal gestellt. Wahrnehmung kann sensibilisiert werden, und plötzlich hören wir, dass viele Neuankömmlinge eine großartige Integrationsleistung erbracht haben, indem sie die deutsche

Sprache schnell und gut erlernt haben. Uns zum Beispiel ist während des einmonatigen Wartens auf Pouya zwischen der Zusendung seines Vertrags nach Kabul bis zu seiner Ankunft auf dem Flughafen in Frankfurt anhand der vielen Genehmigungsstationen klargeworden, dass es recht einfach wäre, mehr Gerechtigkeit und Verständnis im Umgang mit den Ankommenden zu erzielen. Wenn die Fragen, wie gut jemand die deutsche Sprache während seines Verfahrens erlernt hat und ob er einen Beruf wählt, in dem Lehrlinge Mangelware sind, wenn diese beiden Fragen berücksichtigt würden, dann könnten sehr viel mehr Menschen Entscheidungen von Bleiben oder Rückführen verstehen und mittragen. Und Sprache könnte zur Gastgeberin werden.
Theater ist immer eine Form des einander Zuhörens. Theater kann auch eine Gegenstimme werden zu Entscheidungen der Politik. Von Schopenhauer stammt der Satz, wonach jeder die Grenzen seines Gesichtsfeldes für die Grenzen der Welt hält. Das Theater kann dazu beitragen, dieses Gesichtsfeld zu erweitern.

„Danke, dass Ihr alle und Du mir hilfst. Ich bin leider seit gestern im Krankenhaus und sehr krank. Ich hoffe, dass ich bald was Gutes höre und endlich aus dieser Katastrophe rauskomme.“
(E-Mail Botschaft von Pouya aus Kabul vom 11. März 2017, morgens)

Im Herbst 2015 war München ein Hotspot der überraschenden Flüchtlingswelle. Aber München war auch ein Hotspot der Hilfsbereitschaft. Sehr viele der Bürger, die sich damals engagiert haben, tun dies noch immer. Anders. Denn es müssen keine Wasserflaschen und Babynahrung mehr verteilt werden. Heute geben viele dieser Helfer Unterricht in Deutsch, Kultur, Grundgesetz, Demokratie, Frauenrechten und vielen anderen gesellschaftlichen Selbstverständlichkeiten unseres Zusammenlebens. Aber sie schenken den Neuankömmlingen nicht nur Informationen und Wissen, sondern auch Wertschätzung, Wahrnehmung, Akzeptanz und ein Gefühl des Willkommen Seins.

Die Tatsache, dass Ausweisungen und Rückführungen nun immer konsequenter durchgesetzt werden und eben auch Menschen trifft, die gut integriert sind, die die schwere deutsche Sprache beherrschen und deutsche Mentoren haben, die sich für ihr Bleiben einsetzen, diese Tatsache führt dazu, dass nicht nur die Würde der Ausgewiesenen verletzt wird. Sie bedeutet auch, dass all diese Helfer durch derartige politische Entscheidungen vor den Kopf gestoßen werden. Sie haben für die Gesellschaft großes ehrenamtliches Engagement gezeigt, und nun ist scheinbar alles umsonst. Ihr Einsatz zerrinnt zwischen den Händen, Hoffnungen verflüchtigen sich. Derartige Verletzungen hinterlassen Narben, die zu Politikverdrossenheit führen und zu Zweifeln an der Demokratie. Eine Angst macht sich breit, dass man dem Staat, seinen politischen Vertretern nicht mehr vertrauen kann. Und Angst ist immer ein schlechter Berater.

„Ich weiß, bis Montag kann man nichts machen. Nur damit Du Bescheid weißt, habe ich gesagt, was mit mir los ist. Ich habe so starke Magenschmerzen und konnte sie nicht mehr ertragen. Deshalb musste ich ins Krankenhaus kommen, obwohl ich weiß, wie gefährlich das ist. Aber besser als Sterben.“
(E-Mail Botschaft von Pouya aus Kabul vom 11. März 2017, abends)

Während wir das Schicksal von Pouya mehrere Wochen in den Medien verfolgt haben, hat uns immer wieder das Phänomen „Angst“ beschäftigt: Angst der Bürger wie der Politiker, Angst vor Veränderung und Verlust, Angst davor, Wohlstand teilen zu müssen, Angst vor dem Neuen. Und dann war es der Titel des bekannten Films von Rainer Werner Fassbinder aus dem Jahr 1974 (!), der zu diesem Projekt führte: „Angst essen Seele auf“.
Bei den Vorbereitungen und Überlegungen zur Besetzung tauchte der Gedanke auf, dass niemand die Rolle des Ausländers Ali besser darstellen könnte als Pouya, der während seiner jahrelangen Odyssee auf der Suche nach einem sicheren Leben mit Zukunft unzählbare Angst-Situationen durchleben musste. Deshalb freuen wir uns sehr, dass das Angebot eines Arbeitsvertrages, den wir direkt nach Kabul geschickt haben, dazu führte, dass er ein Visum bekam, nach Deutschland zurück kommen konnte und nun in unserer Produktion mitspielt.
Angst essen Seele auf“ nach dem Drehbuch des gleichnamigen

Films von 1974 ist die unmögliche Liebesgeschichte zwischen der alten Emmi, die ihr Geld als Putzfrau verdient und einem sehr viel jüngeren Ausländer, der von allen Ali genannt wird. Beide lernen sich in einem damals „Gastarbeiterkneipe“ genannten Lokal kennen. Da Ali total beengt haust – sechs Männer in einem Raum – zieht er bei ihr ein, und später heiraten die beiden sogar. Vielleicht geschieht das alles nur aufgrund des sozialen Drucks von außen. Emmis Kinder sind fassungslos über diese Mesalliance, die Nachbarn zerreißen sich das Maul ebenso wie die Kolleginnen. Vorurteile sprießen überall. Ihre Liebe ist das wichtigste gemeinsame Kraftfeld zwischen Emmi und Ali, womit sie sich gegen den allgegenwärtigen Ausländerhass und die Ablehnung der verheirateten Kinder wehren können. Nach einem gemeinsamen Urlaub verändert sich ihre Umwelt. Der Grund dafür ist nicht eindeutig. Haben alle ihre Meinung geändert? Sind sie durch einen Denkprozess zu mehr Toleranz gekommen? Wenden sie eine subtile Umarmungstechnik an? Während der Druck von außen schwindet, verflüchtigt sich die Liebe zwischen den beiden. Die gegenseitige Aufmerksamkeit lässt nach, Ali schläft mit der Wirtin der Gastarbeiterkneipe. Als Emmi dort wieder auftaucht und beide versuchen, noch einmal neu zu beginnen, bricht Ali zusammen. Der Arzt diagnostiziert eine typische Krankheit bei Ausländern: Magengeschwüre. Emmi hält Alis Hand.

Rainer Werner Fassbinder, zeit seines Lebens Außenseiter und Einzelgänger, hat die Wirklichkeit immer aus einem besonderen Blickwinkel betrachtet. Deshalb hat sein Drehbuch, das vor mehr als 40 Jahren entstand, bis heute Gültigkeit, denn es beschreibt Grundtendenzen menschlicher Reaktionen. Vielleicht war es gerade sein Einzelgängertum, das ihm ermöglichte, die Entwicklung der Gesellschaft vorwegzunehmen und ihre unheimlichen Seiten so kristallklar zu benennen.
Sein Blick auf die Figuren allerdings zeichnet sich durch Verständnis und größte Zärtlichkeit aus. Er zeigt das Unbehagen und den Schmerz von Menschen, die ihre Lebensentwürfe nicht selbst bestimmen können. Der Einzelne mit seinen Utopien, Enttäuschungen, Wünschen und Träumen steht im Mittelpunkt.
In einem Interview sagte Fassbinder einmal folgendes: „Oft kritisiert man meine Filme, dass sie pessimistisch seien. Meiner

Meinung nach gibt es genug Gründe, um Pessimist zu sein, aber eigentlich sehe ich meine Filme nicht so. Die sind aus der Haltung entstanden, dass die Revolution nicht auf der Leinwand stattfinden soll, sondern im Leben, und wenn ich zeige, dass es auf der Leinwand schief geht, tue ich das, um die Leute darauf aufmerksam zu machen, dass es schief gehen muss, wenn man sein Leben nicht verändert. Wenn man in einem Film, der pessimistisch endet, den Leuten einige Mechanismen klarmacht, warum es so geschieht, dann ist ja die Wirkung des Films nicht pessimistisch. Ich versuche nie, die Wirklichkeit zu reproduzieren, sondern mein Ziel ist es, Mechanismen transparent zu machen, damit den Leuten klar wird, dass sie die Wirklichkeit verändern müssen.“ Dem ist nur noch hinzuzufügen, dass dieses Statement fürs Theater ebenso gilt wie für den Film.

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