SchauBurg - Kinder- und Jugendtheater der Stadt München
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Investieren in die Zukunft
Die SCHAUBURG ist ein Kinder- und Jugendtheater und hat einen spezifischen Auftrag, der sich stark von dem eines normalen Theaters unterscheidet. Deshalb ist diese Arbeit nicht austauschbar, zusammenlegbar, fusionierbar oder gar ersetzbar. Dies soll nachfolgend begründet werden.

1. Die SCHAUBURG hat die Aufgabe, jungen Zuschauern unterschiedlichen Alters zu helfen, ein ihnen entsprechendes, unverkrampftes Verhältnis zur Bildung zu finden.
Dies muss in enger Zusammenarbeit mit Schule und Kindergarten, mit Lehrern und Erziehern entwickelt und immer wieder neu an den gesellschaftlichen Gegebenheiten überprüft werden. Das Theater für Kinder und Jugendliche richtet sich an Kindergärten, Grund-, Haupt-, und Realschüler, sowie an Gymnasiasten. Ein normales Theater wendet sich an Bildungsbürger, das heißt, an Menschen, die ihren Bildungsbegriff für sich geklärt haben. Daran ändern punktuelle Alibivorstellungen eines Klassikers am Vormittag nichts.

2. Die SCHAUBURG wendet sich an Kinder zwischen 4 und 12 Jahren sowie an Jugendliche zwischen 12 und 18 Jahren.
Das ist eine andere Zielgruppe als junge Erwachsene bis Ende Zwanzig, die selbstverständlich das Publikum der normalen Theater bilden müssten. Dort ist allerdings die Überalterung des Publikums so besorgniserregend, dass diese Theater verstärkt zu Tricks greifen, um junge Leute ins Haus zu locken. Sehr beliebt sind zur Zeit Club-Veranstaltungen und Partys in Theatern und Probenräumen, wo bei genauer Hinsicht dem freien Markt der Musikszene die Zuschauer mit Steuergeldern abgeworben werden.

3. Die SCHAUBURG spielt mehr als die Hälfte seiner Vorstellungen am Vormittag für Kindergärten und Schulklassen.
Seit vielen Jahren beträgt die durchschnittliche Platzausnutzung
94 %. Diese Zahl spricht für die Akzeptanz der Arbeit bei den Lehrern. Abend- und Nachmittagsvorstellungen sind Veranstaltungen, die es Familien ermöglichen, zusammen mit ihren Kindern ebenfalls von diesem städtischen Angebot zu profitieren. Wenn darüber hinaus Erwachsene ohne eigene Kinder unsere Stücke besuchen, dann ist das ein wunderbares Kompliment für die Arbeit und ein wichtiger Aspekt, den wir schon vor Jahren unter dem Stichwort DIALOG DER GENERATIONEN formuliert haben. Es ist gesellschaftlich wichtig, dass Erwachsene daran teilnehmen, wenn sich junge Leute die Welt erschließen.

4. Die SCHAUBURG hat einen Bildungsauftrag, der sich am Lehrplan der Schulen orientiert.
Wie diese Zusammenarbeit zwischen Schule und Theater zu verstehen ist, haben wir unter dem Schlagwort KOMPLIZIERTHEIT GEGEN VEREINFACHUNG zusammengefasst. Daraus entstand in der Vergangenheit manchmal der Vorwurf, unsere Arbeit sei zu anspruchsvoll und heimliches Erwachsenentheater. Die Veröffentlichung der PISA-Studie und das jämmerliche Abschneiden deutscher Schüler im internationalen Vergleich haben unseren Arbeitsansatz bestätigt. Es reicht nicht, Kindern und Jugendlichen Einfaches vorzusetzen. Es reicht nicht, komplexe Sachverhalte herunter zu transformieren auf den kleinsten Nenner in einfacher Sprache und einfacher Spielweise in einfachster Bühnen-Ausstattung. Es genügt nicht, Kindern und Jugendlichen den Kinderteller an Bildung, an Kultur zu reichen, der immer nur aus vollfetten Pommes Frites mit Ketchup besteht. Sie brauchen ein ernsthaftes, komplexes Angebot dessen, was der Bildungs-Warenkorb bietet. Wer Kinder und Jugendliche an den Katzentisch setzt, bekommt durch PISA die Quittung.

5. Wie versteht die SCHAUBURG diesen Bildungsauftrag?
Es geht nicht darum, einmal während der Schulzeit einen GoetheSchillerShakespeareLessing im Theater abgesessen zu haben. Bildung ist eine Form der Weltaneignung. "Zur Bildung gehören Fähigkeiten und Kenntnisse, Vorstellungen und Einstellungen, die es dem Menschen ermöglichen, die Welt selbst bestimmt und verantwortlich zu gestalten." (Johannes Rau auf dem Kongress "Wissen schafft Zukunft" 2000). Werteorientierung, Wahrnehmungs- und Urteilsvermögen unterscheiden sich bei Jugendlichen und Erwachsenen. Deshalb muss ein Theater für junge Zuschauer deren Sehweise in den Mittelpunkt rücken. Dafür braucht man nicht unbedingt spezifische Kinder- oder Jugendstücke. Oft ist es interessanter, Stücke aus dem Erwachsenenrepertoire zu nehmen und den Focus so zu ändern, dass junge Leute, deren Weltsicht, ihre Fragen ans Leben und die Zukunft im Mittelpunkt stehen. Wenn wir "Der Tod eines Handlungsreisenden" von Arthur Miller auf den Spielplan setzen, dann rücken wir nicht den arbeitslosen Handlungsreisenden in den Mittelpunkt, sondern seine beiden Söhne mit deren Sicht auf die veränderte Lebenssituation des Vaters. Solche dramaturgischen Eingriffe erfordern spezifische Kenntnisse, ohne die nur Lafferei herauskommt.

6. Was hat die SCHAUBURG mit den Ergebnissen von PISA zu tun?
Sicher erwirbt niemand durch einen Theaterbesuch bessere Lesekompetenz oder Fortschritte in der mathematischen Grundbildung. Dennoch kann man als Zuschauer im Theater Fähigkeiten trainieren, die im Zusammenhang mit Qualifikationen stehen, die – weil unzureichend ausgeprägt -, als eine der Ursachen für das schlechte Abschneiden unserer Schulen bei der PISA-Studie ausgemacht wurden und Grundvoraussetzung jeglicher Wissensaneignung sind: Die Fähigkeit nämlich, die in ihrer Abstraktheit wahrgenommene Welt entschlüsseln zu können. Entgegen einer weit verbreiteten Meinung ist Theater kein Medium der Bilder. Theater ist vielmehr ein Medium der Zeichen. Man kann im Theater, wenn es gut gemacht ist, lernen, Zeichen zu dechiffrieren, Symbole zu deuten. Diese Form des abstrakten Denkens ist eine Schlüsselqualifikation, die junge Menschen für ihre Zukunftsfähigkeit dringend brauchen. Symbole sind Realitätsinterpretationen, die ihrerseits interpretiert werden können. Sie sind Ergebnisse von Beobachtungen, sind zeichenhafte Verdichtungen von Situationen. Flapsig gesagt: Die Zeichen der Zeit lesen zu können, ist eine schöpferische Kraft, die dringend gefördert werden muss.

7. Wie muss ein Theater aussehen, das mit Zeichenhaftigkeit arbeitet?
Es muss jeden Realismus vermeiden. Es muss Erzählformen, theatralische Sprachen und ästhetische Ausdrucksweisen finden und erfinden, die sich so stark wie möglich vom Fernseh-, Video-, und Kinorealismus, eben den Bilder-Medien, absetzen. Außerdem müssen Klischees vermieden werden. Wenn eine Hexe im Theater so aussieht wie Illustrationen in alten Märchenbüchern schon vor 150 Jahren ausgesehen haben, dann kann ein geistiger Prozess von Zeichen- oder Symboldeutung nicht stattfinden. Dann werden Kinder mit Fastfood abgespeist.

8. Die SCHAUBURG liefert einen Beweis, dass die Stadt München den Bildungsauftrag ernst nimmt.
Die Pro-Sitzplatz-Subvention des städtischen Kinder- und Jugendtheaters entspricht der des Erwachsenentheater. Das ist ein vorbildliches Signal, eine Investition in die Zukunft. Zwar hat die SCHAUBURG im Haushaltsjahr 2002 und 2003 14 % seines künstlerischen Etats durch Haushaltssperre und Konsolidierung eingebüßt. Aber noch immer sind die Arbeitsbedingungen und der Stellenwert des Kinder- und Jugendtheaters in München im bundesweiten Vergleich vorbildlich. Es bleibt zu hoffen, dass es weiterhin den politischen Willen in der Stadt gibt, diese gewachsenen Strukturen zu erhalten, damit dieses Theater weiter einen sinnvollen Beitrag im Sinne von PISA leisten kann. "Die Bildungspolitik ist das wichtigste Mittel, um gesellschaftlichen Fortschritt zu erzielen." So formulierte schon Wilhelm Hoegner.

Auszeichnungen:
1991
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