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Süddeutsche Zeitung - 16.05.2007 ________________________________________________
Spieltrieb ohne Handy
Eindrücke beim 9. Kinder- und Jugendtheatertreffen in Berlin
Man kann den deutschen Jugendtheatern nicht vorwerfen, dass sie das Leben beschönigen: Der behinderte Lennie wird hingerichtet, die vergewaltigte Lila stürzt sich aus dem Fenster, drei namenlose Gymnasiasten schießen ihre Schule zusammen, und Anne Frank wird von der Gestapo abgeholt. Da ist es schon fast eine Überraschung wenn eines dieser Schmerzenskinder, der Schüler Titus am Ende seines einstündigen Monologs lieber mit Papa nach Mexiko fliegt, statt vom Schuldach zu springen.
Es ist harter Stoff, der bei der 9. Kinder- und Jugendtheaterbiennale „Augenblick mal!“ in Berlin zur Sprache kommt. Tod, Vertreibung und Scheitern sind zwar längst gängige Themen fürs Nachwuchspublikum, doch während es – meist in niederländischen und skandinavischen Stücken – noch vor ein paar Jahren darum zu gehen schien, heikle Themen kindgerecht und schonend zu vermitteln, muten die gut 130 Kinder- und Jugendtheaterbühnen ihren Zuschauern mittlerweile auch die realistische Schilederung menschlicher Tragödien zu.
Von Mäusen und Menschen
Die zwölf, laut Juryurteil „impulsgebenden“ Produktionen, die diesmal in das Theater an der Parkaue und das Theater am Halleschen Ufer (HAU2) eingeladen wurden, vermitteln kaum mehr den Optimismus der 68-er Pädagogik, sondern eher Fatalismus und Ohnmacht. Der Impetus der klassischen Grips-Produktionen scheint erlahmt, und wenn der Zauberer Merlin am Ende von „King A“, einer poetischen Version der Artus-Sage mit dem jungen Ensemble Stuttgart, die Pauschalweisheit „Man kann immer von vorn anfangen!“ aus dem Hut zieht, um dem jungen Publikum das traurige Ende zu ersparen, wirkt das nur noch wie eine verlegene Reminiszenz.
Ist das ein Zeichen von Resignation?
Vielleicht. Zugleich ist es eine Chance, die, so zeigen es zumindest einige Produktionen dieses „kleinen Theatertreffens“, durchaus als solche begriffen wird. Wo der Zwang zur didaktisch korrekten Darstellung entfällt, wo Schauspieler nicht mehr nur typisierte Träger einer Moral sind, öffnet sich der Raum für ein Theater der Schauspielkunst. Das Jugendtheater, so zeigt diese Biennale eindrücklich, ist dabei, den Schauspieler neu zu entdecken und ihm zu vertrauen.
Eine Tendenz, die freilich die Grenzen zwischen Jugend- und Erwachsenentheater verwischt. Hätte beispielsweise die Adaption der Münchner Schauburg von John Steinbecks Novelle „Von Mäusen und Menschen“ auf dem Spielplan eines normalen Stadttheaters gestanden , wäre wohl kein Mensch auf die Idee gekommen, dass es sich hier um eine Jugendtheater-Produktion handelt. Umgekehrt hätte die Hinrichtung des behinderten Lennie durch seinen Freund George am Ende des Stücks noch vor kurzem sicherlich eine Horde besorgter Erziehungsberechtigter auf den Plan gerufen.
Doch nichts von alldem: Stattdessen wirkt die geradezu antikisierend schlichte Inszenierung von Beat Fäh mit ihrem ruhigen Atem und ihrer Konzentration auf die beiden Hauptdarsteller und deren minutiös ausgelotete Freundschaft wie das Signal für eine Rückkehr zu klassischen Stoffen und zu einem im besten Sinne altmodischen Theater: Um Jugendliche zu fesseln, muss man, so die Botschaft, sich weder mit aktuellen Stoffen an sie heranschmeißen noch sie mit rasantem Tempo und grellen Reizen zudröhnen. Theater braucht all das nicht, um Extremerfahrungen nachfühlbar zu machen - selbst Thomas Freyers Erfurt-Stück „Amoklauf – ein Kinderspiel“ kommt in der Regie von Tillmann Köhler (der auch beim großen Theatertreffen dabei ist) ganz ohne Schockeffekte aus – die drei Darsteller der Koproduktion des DNT Weimar und des Theaters an der Parkaue vertrauen auf ihrer Minimalbühne ganz auf die Suggestionskraft der Sprache.
Die Not der Jugendbühnen, mit einfachen Mitteln auskommen zu müssen, erweist sich unter diesen Vorzeichen ebenso als Segen wie die Gnadenlosigkeit des Publikums, das sofort mit seinen Handys zu spielen beginn, wenn die Darsteller jenseits der Rampe die Verbindung kappen.
Denn so witzig, frisch und rasant wie in „Wir immer für alle zusammen“ geht es im Theater nicht oft zu. Philippe Bessons Bühnenversion eines niederländischen Jugendbuches schraubt Probleme so unbekümmert zusammen wie ein Daily Soap und lässt die Darsteller von einer Rolle in die nächst springen, verliert aber dennoch nie die emotionale Erdung seiner Heldin, der elfjährigen Möchtegern-Dichterin Polleke aus dem Blick.
Auch in der für Kinder ab neun Jahren konzipierten Produktion des Potsdamer Hans-Otto-Theaters sind die drei Schauspieler – in einer engen Bühnenbox mitten im Publikum – die Seele vom Spiel. Dass das Kindertheater Kunst sein möchte, dürfte eine Erklärung dafür sein, dass mit einer Ausnahme (dem bildkräftigen Flüchtlingskinddrama „Blutrote Schuhe“ des Gelsenkirchener Consol Theater) alle eingeladenen Produktionen aus Stadt- oder Staatstheatern stammen – die freien Theater, die immerhin gut zwei Drittel der Kinder- und Jugendbühnen stellen, müssen stärker auf Kassenerfolge hin kalkulieren. So viel zu den Mäusen. Nun zu den Menschen.
Man habe, erklärt der Dramaturg der Münchner Schauburg beim Publikumsgespräch zu „Von Mäusen und Menschen“, das Stück solange liegen lassen, bis man den richtigen Hauptdarsteller hatte. Deutlicher lässt sich der neue Geist des Jugendtheaters nicht ausdrücken.
Jörg Königsdorf Druckversion |
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