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Theater heute - 01.06.2005 ________________________________________________
Ernst nehmen!
Eine Impulsgebende Auswahl beim diesjährigen Kinder- und Jugendtheatertreffen „Augenblick mal!“ in Berlin
Die Szene sieht stark nach Geisterbahn aus und könnte so auch als „Haunted House“ in Disneyland durchgehen. Oder als Setting eines gruseligen Computerspiels. Ein langer Tisch zieht sich über die volle Bühnenbreite, an dessen oberen Enden zwei grotesk aussehenden fette Kinder sitzen – links ein in schrilles Gelb gewandetes Mädchen (Corinna Beilharz) und gegenüber ein Junge in Grell-Violett (Klaas Schramm). An der Längsseite thront mittig eine strenge Dame im schwarzen Gouvernantenkostüm (Sabrina Khalil) und blickt stumm ins Publikum. Ein alter, zerzauster Diener (Armin Schlagwein) schlurft gelegentlich durchs Bild. Bald findet sich noch eine zweite Dame in Schwarz (Lisa Huber) in dieser finsteren Atmosphäre ein, die durch ihren schütteren Operngesang noch ein bisschen finsterer wird.
Dann fangen die Figuren auch zu sprechen an, doch was sie sagen, ist mit dem, was man sieht, nur schwer in Einklang zu bringen. Die Gouvernante wird mit „Meister, größte Dichterin aller Zeiten“ angesprochen. Dann wird merkwürdig mythisch von einem König erzählt, der drei Frauen und vier Kinder hatte, von denen das Schönste und Beste ein gewisser Friedrich war. Dabei besteigt das gruselige Comic-Personal manchmal den langen Tisch, gebraucht die schweren Silberleuchter darauf als Schwerter oder türmt sich zu sonderbaren Menschenpyramiden auf. Hinter einem Gazeschleier erscheinen oberhalb der Szene zwei Musiker (Yogo Pausch und Max Bauer), die manchmal kleine Rollen spielen, hauptsächlich jedoch die Erzählungen mit allerlei unheimlichen Geräuschen untermalen: mit klappernden, rasselnden und dann wieder lyrischen Tönen, und die, wenn’s richtig schlimm zugeht, zu enormer Lautstärke fähig sind. Oft wird einfach erzählt, von Ungeheuern, einer Affenarmee und blutigen Kämpfen zum Beispiel. Zwischendurch schlüpfen die Figuren in die Rollen aus der von ihnen erzählten Geschichte: Das dicke Mädchen wird zur heldenhaften Ute, um die ein grausam geführter Kampf entbrannt ist. Der dicke Junge gibt den strahlenden Königssohn Fritz.
Parallel erlebt man in Peer Boysens Inszenierung (Schauburg, München) von Suzanne van Lohuizens Bearbeitung des berühmten Hindu-Epos „Ramayana“ für das Kindertheater zwei Geschichten: Einerseits die archaische Erzählung vom indischen Königssohn Rama, welcher der Überlieferung zufolge die Inkarnation des Gottes Vishnu ist. Der nun soll König werden, muss aber vorher vierzehn Jahre Verbannung in dunklen Wäldern überstehen. Dort wird seine Frau Sita von einem schrecklichen Ungeheuer entführt, jedoch nach einem blutigen Kampf gegen Monster und Dämonen am Ende befreit. Gleichzeitig betrachtet man die schräge, traurige Welt von zwei hässlichen Kindern, die wahrscheinlich Waisen sind und diese schaurig-archaische Geschichte in dem so gar nicht kindgerechten, finsteren Ambiente, in dem sie zu leben gezwungen sind, wohl nicht zum ersten Mal für ihre Erzieherinnen nachspielen müssen. Es sind bemitleidenswerte Wesen, Marke Außenseiter, neben denen in der Schule erfahrungsgemäß keiner sitzen will. Sie spielen zwar die Helden Fritz und Ute, bieten aber in keinem Moment so etwas wie Identifikationsmöglichkeiten an. Erst am Ende wird angedeutet, dass diese beiden seltsamen Wesen möglicherweise die Kinder von Fritz und Ute alias Rama und Sita sind.
Die Aufführung des Münchner Kinder- und Jugendtheaters Die Schauburg, die im Mai im Rahmen des diesjährigen Kinder- und Jugendtheatertreffens „Augenblick mal!“ in Berlin zu sehen war, bietet mit ihrer sehr eigenen Variation der „Ramayana“ keinen überbordenden Ethno-Prunk, keine Bilderwelten à la Mnouchkine („Sihanouk“) oder Peter Brook („Mahabharata“) im Kids Format. Namen wurden eingedeutscht, Schauplätze ins Ungefähre verlegt. Selbst der Titel ist ein anderer geworden. „Zwischen Gut und Böse“ kokettiert stattdessen mit den Vorstellungswelten von Computerspielen, von Magic-Cards und so genannter „Fantasy“, was in der Kindertheater-Szene als richtig böses Wort gilt, das von manch selbsternanntem Weltverbesserer der Szene gern gegen die „richtige“ Fantasie ausgespielt wird, die man dann natürlich selber vertritt.
Und da nun zeigt die Schauburg mit wunderbarer Eindringlichkeit, dass es manchmal gar nicht so klar ist, was Gut und Böse eigentlich ist, und vor allem, dass es weder eine falsche noch eine richtige Fantasie gibt, sondern es bei der Vorstellungskraft an sich egal ist, ob man sie Fantasy oder Fantasie nennen will, weil es sich so oder so um ein ziemlich gefräßiges, mächtiges Instrument handelt, das sich mit relativ bescheidenen Mitteln schnell auf Hochtouren bringen lässt.
Der ungetrübte Blick
Für manchen wackeren Verfechter eines aufklärerischen und antiillusionistischen Kinder- und Jugendtheaters mag die Aufführung der Münchner Schauburg deshalb eine echte Provokation gewesen sein. Aber provozieren sollte sie ja, die Auswahl zu „Augenblick mal!“, und zwar vor allem Debatten zu Ästhetiken und Inhalten des Kindertheaters.
Kindertheater – das klingt für viele wie Medizin, die man nur auf Rezept bekommt, oder auf dringenden Rat eines Familientherapeuten. Kindertheater hat keine kulturpolitische Lobby, Theaterkritiker verirren sich dorthin nur selten, und einen öffentlichen Diskurs darüber, was Kindertheater inhaltlich wie ästhetisch sein und können sollte, gibt es schon lange nicht mehr.
In den vergangenen Jahren haben es kaum noch Inszenierungen für Kinder unter zehn Jahren in die „Augenblick mal!“-Auswahl geschafft, die sich stets als ein „Best-Of“-Querschnitt verstand. In diesem Jahr nun gab es zum ersten Mal keine Jury. Stattdessen wurden zwei Kuratoren gebeten, Aufführungen nicht unter dem Gesichtspunkt „bemerkenswert“, sondern „impulsgebend“ auszuwählen. Für das Jugendtheater war der Direktor des Wiener Theaterhauses für junges Publikum „Dschungel Wien“, Stephan Rabl, unterwegs. Auf die Suche nach impulsgebenden Aufführungen für Kinder machte sich für „Augenblick mal!“ die Hildesheimer Kindertheaterprofessorin Geesche Wartemann.
Auf Wolke Zirrus
Im Gepäck nach Berlin hatte sie dann neben der Münchner Schauburg-Aufführung eine Performance für Kinder, „Schuluhr und Zeitmaschine“ von Sibylle Peters (PROFUND Kindertheater und FUNDUS-Theater, Hamburg), das Tanztheaterstück für Kinder ab 5 nach dem Grimm-Märchen „Die zertanzten Schuhe“ (ciacconna clox, Leipzig), ein Minidrama über einen Obdachlosen, „Nebensache“ (Junges Ensemble Stuttgart), und ein Stück für Dreijährige, nämlich Annette Dorothea Webers in Zusammenarbeit mit der Künstlerin Sibylle Gädeke entstandene Inszenierung von Roberto Fabrettis Ein-Personen-Stück „Die Reise einer Wolke“ (SCHNAWWL, Kinder- und Jugendtheater am Nationaltheater Mannheim).
Aus der Perspektive der Wolke Zirrus wird darin den Kindern eine Reise um die Welt erzählt. Die große Höhe, aus der die Wolke blickt, lässt Größenunterschiede verschwinden, und selbst Hochhäuser, ja sogar Erwachsene sind aus dieser Perspektive bloß noch kleine Punkte. Der Schauspieler Jan Single leiht der Wolke seine Stimme, als Hilfsmittel dienen ihm eine ganze Reihe überdimensionaler Bauklötze, die von jeder Seite anders bemalt sind und sich, je nach Reisestation, zur jeweils überflogenen Gegend zusammensetzen lassen: Felder mit Bauernhof, die Wüste, das Meer und schließlich der Dschungel. In der Wüste trifft man dann abstrakte, aus Bestecken gebaute wilde Tiere. Im Meer kann man Eisschollen berühren und Robbenfürze riechen. Der Spieler reicht entsprechende Duft- und Berührproben im Publikum herum. „Die Reise einer Wolke“ ein Versuch, Theater für alle Sinne zu machen, doch die kleinen Zuschauer reagieren auf die Erwachsenenpoesie in der Aufführung mit abgeklärtem Kinderblick, der jeden Kitsch und jedes Anbiedern gnadenlos benennt. „Das ist doch eine Feder und keine Wolke“, sagt ein kleiner Zuschauer, als der Schauspieler Jan Single ein große weiße Straußenfeder schwingend als Wolke vorstellt, und auch die aus Gabeln und Löffeln skurril zusammengeschweißten Giraffen und anderen Wüstentiere kaufen die Kinder dem Spieler nicht ab. „So sieht keine Giraffe aus!“, ruft es empört aus dem Publikum. Kinder sind kritische Zuschauer, deren Blick noch nicht von Kulturtechniken getrübt ist. Das ist das Risiko, aber auch die Chance für das Kindertheater, sich schon bei den Ganzkleinen als Schule des Sehens und der Wahrnehmung zu profilieren.
Getanzte Sehnsucht nach Freiheit und Autonomie
Die Choreographin Helene Krumbügel, die Regisseurin Conny Wolter und die Leipziger Tanzkompagnie ciaccona clox präsentieren einen überzeugenden Versuch, modernes Tanztheater für Kinder zu machen. Die Aufführung setzt sich aus der von drei Kindern erzählten Geschichte von den drei tanzwütigen Prinzessinnen zusammen. Dazu kommen Tanzsequenzen erwachsener Tänzerinnen, die von der Erzählung eingerahmt und kommentiert werden. Und ausgesprochen komische Spielszenen mit einem Schauspieler (Stefan Ebeling), der in Personalunion den knarzigen väterlichen König Cäcilus vom vertrockneten Steinpilz, verschiedene schrullige Herren, die sich bewerben, das Geheimnis der zertanzten Schuhe zu lösen, sowie eine verschrumpelte, alte Hexe spielt – und zwar bei virtuosem Einsatz minimaler Verwandlungs- und Schauspielertricks.
Zu Anfang sind nur die drei erzählenden Kinder (Constanze Hummel, Holdine Wolter, Frowin Wolter) auf der leeren Spielfläche zu sehen. Die hellen Stimmen bilden einen überraschenden Kontrast zur ausgebildeten, fast erwachsenen Diktion (die drei gehören zum Kindersprechensemble des MDR). Sie erzählen von den Prinzessinnen Rodriga, Fernanda und Citronella vom sprudelnden Füßchen, die zum großen Ärger ihres Vaters jede Nacht an geheimem Ort ihre Schuhe kaputt tanzen. Dann tauchen in einem Vivaldi-Bach-Barock-Musikwirbel die drei Prinzessinnen (Konstanze Büschel, Karen Schönemann, Ulrike Schauer) auf. Mit dem Daumen peilen sie den Horizont an, als wollten sie die Entfernung messen, die zwischen ihnen und dem Leben liegt. Der Daumen bildet dann die Achse, um die sich bald darauf die Körper in ausdrucksstarken Bewegungen drehen. Im Dialog mit gespielten und gesprochenen Szenen entwickelt sich der Tanz in dieser Aufführung zu einem anarchisch kraftvollen Ausdruck für jegliche Kindersehnsucht nach Freiheit und Autonomie – zu verstehen und begeistert nachzuempfinden nicht nur für erwachsene Zuschauer, sondern auch für fünf- wie elfjährige Kinder, wie entsprechende Begleitpersonen der Kritikerin ziemlich unmissverständlich zu Protokoll gegeben haben. Eindeutige Identifikationsfiguren sind für die zuschauenden Kinder trotzdem die jungen Erzähler, die das Geschehen kommentieren, vorantreiben, aus den Kulissen immer wieder notwendige Requisiten hervorzaubern und im Gegensatz zu den wilden und tanzwütigen Prinzessinnen oder dem tollpatschigen Spieler ganz und gar ernst zu nehmende Figuren sind.
Erzählte, gelebte, gefühlte Zeit
Vom Ernstnehmen handelt auch Sibylle Peters Kinderperformance „Schuluhr und Zeitmaschine“, die sich mit der zeit als Korsett für Kinderzwänge und Aktivitäten wie zum Beispiel der Schule befasst. Angeregt durch Peter Hoegs Internats-Roman „Der Plan von der Abschaffung des Dunkels“ geht es um den Unterschied zwischen gemessener und gefühlter Zeit, um Ermutigung, diese Differenz wahr- und ernst zu nehmen. Im ersten Teil des Projekts besucht die Performerin mit Kameramann (und Mitspieler) Stephan Münte-Goussar für eine Doppelstunde eine Schulklasse. Schon hier herrscht eindeutig eine Theatersituation, denn das Team tritt als zeitforscher-Unit auf, welche die Kinder als Zeitspezialisten befragen wollen. Bei dieser Gelegenheit werden kleine Experimente gemacht (und auf Video festgehalten), die spielerisch mit dem Thema Zeit und Schulstunde umgehen und das Ziel haben zu erforschen, ob man Zeit auch selbst herstellen kann. Kinder werden zu verschiedenen Aspekten zum Thema Zeit befragt und ihre von Kinderweisheit, Altklugheit und Alltagsphilosophie durchdrungenen Aussagen später zu schnellen, rhythmischen Themenblöcken geschnitten, die dann in Teil zwei des Projekts, der eigentlichen Performance, zum Einsatz kommen.
Hier nun begegnen sich die Kinder im Zuschauerraum auf der Bühne beziehungsweise einer dort im Halbrund die Spielfläche eingrenzenden Leinwand wieder. „Dies ist kein Theaterstück. Wir sind alle Teilnehmer an einem Experiment, Teile einer großen Zeitmaschine“, hat ihnen die weißbekittelte Zeitforscherin Peters gerade mitgeteilt. Dann ist die Freude der Kinder groß, sich auf der Bühne in den Videos selbst samt Details aus dem Schulalltag wieder zu sehen. Mit schönen Spitzfindigkeiten, dass man nämlich jetzt im Theater bereits in der Zukunft sitzt, weil das, was auf den Videos zu sehen ist, schließlich mal die Gegenwart war, gibt die von elektronischem Sound begleitete rasante Performance den Kindern so spielerisch wie auf der Höhe der zeit einiges über Zeit und Medien zu denken und zu erleben. Damit stellt diese Aufführung sich den Medienerfahrungen einer Kindergeneration, die bereits im Vorschulalter souverän Fernsehen und Computer nutzen, lehrt kreativen Umgang mit Ebenen von erzählter, gelebter und gefühlter Zeit und fordert doch dazu auf, das eigene Empfinden als Maß zu Grunde zu legen. Das ist in der stark von einem technophoben und medienfeindlichen Habitus durchdrungenen Szene eher die Ausnahme. Nachahmungen dringend empfohlen!
In „Nebensache“ von Gitte Kath und Jakob Mendel geht es darum, unter dem Schmutz eines Penners dessen Biographie sichtbar zumachen, zu fragen, was im Leben wichtig und was vielleicht nicht so wichtig ist. Im Dreck auf der Erde wacht unter alten Decken der von Peter Rinderknecht gespielte Obdachlose auf. Sein Chaos lernen wir schnell als von subtilen Ordnungsprinzipien organisiert kennen. Flugs baut er aus ein paar Requisiten, die er aus den Tiefen alter Plastiktüten kramt, sein altes Leben als Bauer auf. Vom kleinen Anfang bis zum leidlichen Wohlstand, samt Frau, Kindern und Swimmingpool. Die Namen seiner Frau und Kinder müssen ihm die Zuschauer liefern, die auch sonst hart von dem lumpigen Zeitgenossen angegangen werden. Sie müssen gackern und wiehern. Auf einem Diktiergerät wird alles aufgenommen und die Aufnahme im entsprechenden Teil der Aufführung eingesetzt. Doch so schnell, wie Rinderknecht alles inszeniert, wischt er es auch wieder weg. Das Stück ist aus, bevor man richtig eingestiegen ist.
Fünf Theaterstücke für Kinder, fünf Versuche von und über Kindertheater im Zeitalter seiner drohenden Verdrängung durch technische Medien. Dass es richtig ist, sich den Medienerfahrungen heutiger Kinder zu stellen, ohne sich anzubiedern, haben Aufführungen wie „Schuluhr und Zeitmaschine“ und „Zwischen Gut und Böse“ überzeugend vermittelt. In wie weit diese Aufführungen wirklich impulsgebend sind, wird im Wesentlichen vom Mut der Kindertheatermacher selbst abhängen, sich diesen Herausforderungen zu stellen.
Esther Slevogt Druckversion |
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