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Traunsteiner Tagblatt - 18.10.2003 ________________________________________________
Von der "Münchner Märchenbühne" zur SchauBurg
Am Elisabethplatz blickt man auf 50 Jahre Münchner Theatergeschichte zurück
"Pechvogel und Glückskind" - Der Titel hatte es in sich. Sigfrid Jobst hat mit diesem Stück vor einem halben Jahrhundert seine "Münchner Märchenbühne" im Goethe-Saal der Steiner-Schule an der Leopoldstraße eröffnet. Das war nach dem Krieg die Initialzündung für ein Theater eigens für Kinder und Jugendliche in München. Der Stadtrat kapierte. 1954 schon bekam Jobst Subventionen. Fünfzehn Jahre später wurde das "Theater der Jugend" den Münchner Kammerspielen angegliedert und wie diese städtisch. Von der Reitmorstraße zog man 1977 ins Kino am Elisabethplatz, das damals Schauburg hieß (wie so manches Lichtspieltheater nach dem Krieg): Der komplette Umbau Anfang der 90er Jahre bot den Heranwachsenden, die zunehmend vor allem mit ihren Lehrerinnen und Lehrern "ihr" Theater akzeptierten, ein hochmodernes Schauspielhaus. Seit 1990 leitet es der Niederländer George Podt mit großem Erfolg. Seine Frau Dagmar Schmidt ist seine Chefdramaturgin.
Sigfrid Jobst, der Gründungs-Intendant, war Schauspieler von Hause aus. Ein Motorradunfall, den der Mime auf dem Weg zu den Bavaria-Filmstudios erlitt, half ihm, einen längst gehegten Traum zu erfüllen. Seine Versicherungsrente investierte Jobst in ein Kindertheater und nicht, wie ihm geraten worden war, in einen Rauchwarensalon. Zusammen mit seiner Frau Annemarie Grashey packte er an, kooperierte mit der Falckenberg-Schule, von wo er sich Kinderdarsteller wie die Brüder Fritz und Elmar Wepper holte und spielte bald neben den weiterhin gefragten Märchen auch "richtige" Stücke, klassische vor allem, die zur Bildung der Jugend beitrugen.
Doch die Zeichen der Zeit drehten auf Emanzipation. Jobsts Nachfolger holten die Berliner "Grips"-Ideen ins "Theater der Jugend", sorgten für reichlich Zoff in der Szene, brachten aber - vor allem mit Jürgen Flügge, dem heutigen Intendanten der Ettlinger Festspiele, in den Achtzigern,- auch die Unabhängigkeit für die Münchner Jugendbühne. Beat Fäh und Carlo Formigioni wurden engagiert und inszenierten moderne Stücke. Leider zog Flügge vorzeitig von dannen, konnte den von ihm selbst dringendst eingeforderten Umbau des Hauses nicht mehr erwarten, hatte dieses aber entscheidend in die neue Zeit hinübergeführt.
Nicht dass man annehmen sollte, das heutige Leiter-Paar Podt-Schmidt, seit dreizehn Jahren am Ruder, habe es ohne Querelen und Streitereien geschafft, ein anspruchsvolles Haus für ein anspruchsvolles junges Publikum zu kreieren. "Es ist wichtig", sagte Dagmar Schmidt kürzlich in einem Interview, "zum Zeitgeist-Equipment kulturelle Bildung anzubieten". Sie will die Erziehung nicht einfach "den kommerziellen Kinderunterhaltern" überlassen wissen. Text und Bild wollen Podt und Schmidt gleichberechtigt nebeneinander stellen. Den Regisseur Boysen, der hochqualifizierte Produktionen an der Schauburg herausbrachte, loben sich die Intendanz. Er sei für sie "ein Geschenk des Himmels" gewesen: "Seine Bildphantasie hat die Ästhetik des Hauses stark geprägt".
machen George Podt und Dagmar Schmidt also so etwas wie heimliches Erwachsenentheater? Auf keinen Fall wollen sie große und kleine Theaterbesucher trennen. Die Hälfte ihrer Veranstaltungen eignen sich für Kinder bis etwa 12 Jahren. Shakespeare zum Beispiel wollen Podt und Schmidt nicht in "Fuck-Sprache" übersetzen, damit ihn die Jugendlichen leichter verstehen. "Wir suchen ein unverkrampftes Verhältnis zum Begriff Bildung", sagen sie einhellig. Die gesellschaftlichen Umbrüche wollen sie mit modernen Klassikern erzählen, etwa mit Dürrenmatts "Besuch der alten Dame" oder - mit der nächsten Premiere - Eugène Ionescos "Die Stühle".
Neben dem Schauspiel pflegt man an der Schauburg verstärkt auch Kabarett, Konzert und Tanz. Mit einigen Vorstellungen, "Klamm Krieg" von Kai Hensel, "Engel in Fetzen" (Jörg Baesecke erzählt ostjüdische und chassidische Geschichten) und "Stadttorheiten (Münchner Stadtsagen) gastiert die Schauburg in Schulen in und um München herum. Die Schauburg gehört heute zu den renommierten Häusern der bayerischen Landeshauptstadt, an denen Schauspielkunst zu erleben ist - vom Kind bis zur Seniorin. Sigfrid Jobsts Eröffnungsstück "Pechvogel und Glückskind" hat sich in seinem zweiten Teil bewahrheitet. Selbst wenn George Podt es als Pech empfindet, seinen Etat von 2,6 Millionen Euro gekürzt zu kriegen. Aber da befindet er sich in bester (Intendanten)Gesellschaft.
Prof. Dr. Hans Gärtner Druckversion |
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