Die Weber
von Gerhart Hauptmann

Krisenzeiten
Konkurrenzfähigkeit auf dem Markt
Das Stück
"Die Weber" 1893
"Die Weber" 2004

Krisenzeiten
Die Bundesrepublik steckt in einer tiefen Krise; einer Krise, die ökonomische und gesellschaftliche Ursachen hat, aus der man offensichtlich mit Hilfe der bisherigen Rezepte nicht herausfinden kann. Spürbar ist sie für jedermann, die Angst vor dem Absturz hat alle Gesellschaftsschichten ergriffen, das Vertrauen in die Zukunft schwindet. Niemand kann es sich mehr bequem machen in der unpolitischen Privatecke von Konsum, Selbstverwirklichung und dem Glauben, alle Probleme würden „Die Anderen“ oder „Der Staat“ schon richten.
„Von einer besseren Welt zu träumen, in der Not und Mühsal, Leid und Kargheit überwunden sind, gehört zum Arsenal des menschlichen Lebens dazu. Seit dem 18. Jahrhundert nennen wir diesen Traum die Idee vom 'Fortschritt'. Was als Utopie, als die Projektion von Hoffnung auf einen 'Nicht-Ort' begonnen hatte, formulierte sich seitdem als eine konkrete Erwartung an die Zeit, an die eigene Zukunft. Im 19. Jahrhundert konnte man an den Fortschritt als einen Selbstläufer glauben, der den Namen 'Weltgeist' oder 'Logik der Produktionsverhältnisse' trug. Oder man konnte die Verwirklichung des Fortschritts selbst in die Hand nehmen: Er wurde zum politischen Programm, das auf mehr Freiheit, mehr Wohlstand, mehr Frieden, mehr Gerechtigkeit zielte. Nicht nur für wenige, sondern für alle sollte das Leben sicherer und angenehmer werden. Bezahlt werden sollte dieser Fortschritt aus dem, was damals scheinbar unerschöpflich zur Verfügung stand: natürliche Ressourcen, menschliche Erfindungskraft und eine unbegrenzte Dynamik des wirtschaftlichen Wachstums.“ (Paul Nolte, Generation Reform)
Inzwischen erscheint es obsolet, den Verlust bequemer Illusionen länger zu beklagen. Der vertraute Wohlfahrtsstaat aus der zweiten Hälfte des letzten Jahrhunderts kollabiert, deshalb muss die Frage nach Gerechtigkeit neu gestellt und justiert werden. Kurz: Es geht um die Ankunft in den schwierigen Realitäten des 21. Jahrhunderts.
Wenn der Blick in die Zukunft total vernebelt erscheint, hilft vielleicht der Blick zurück, um Verunsicherung und gesellschaftliche Depression zu relativieren. Denn mit Schwermut wird ein konstruktiver Neuaufbau der brüchig gewordenen Grundlagen unserer Gesellschaft und Kultur nicht gelingen. Deshalb also der Blick zurück auf "Die Weber" von Gerhart Hauptmann.

Konkurrenzfähigkeit auf dem Markt
Mit der in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts in Deutschland einsetzenden Industrialisierung wurden die unteren Schichten des Volkes für Jahrzehnte völlig abhängig von Unternehmern und Fabrikherren und waren ihnen hilflos ausgeliefert. Gesetzliche Bestimmungen gegen die Ausbeutung der Lohnarbeiter existierten nicht. Um ihre Lage zu verändern, blieb ihnen nur die Möglichkeit sich zusammenzuschließen und sich zu wehren - obwohl Zusammenschlüsse von Arbeitern und Handwerkern verboten waren. Am 4. Juni 1844 kam es zu einem Aufstand von 3000 schlesischen Webern gegen ihre Arbeitgeber. Diese historischen Vorgänge bildeten die Grundlage für Gerhart Hauptmanns Drama "Die Weber".
Die schlesischen Weber waren Heimarbeiter, die ihre Webstühle im Handbetrieb bedienten. Die Konkurrenz einheimischer und britischer Waren, die bereits industriell produziert wurden, führte dazu, dass über Jahrzehnte hinweg die Arbeitsbedingungen und die Entlohnung der schlesischen Weber immer schlechter wurden. Auch vermehrte Kinderarbeit und die Ausdehnung der täglichen Arbeitszeit konnten den Lohnverfall nicht ausgleichen. Zur Veranschaulichung ein paar Zahlen: Mechanische Webstühle in England erzielten 1830 eine Leistung von 900 000 Schlägen wöchentlich (Schlag = Einlegen eines Schussfadens). Am schlesischen Handwebstuhl wurden nur 172 000 Schläge pro Woche erzielt. 1830 gab es im schlesischen Webergebiet nur eine mechanische Flachsspinnerei. Durch diese verzögerte Entwicklung blieben die schlesischen Weber in ihren handwerklichen Fähigkeiten hinter den Erfordernissen der neuen Zeit zurück und wurden konkurrenzunfähig.
Dadurch wurde die soziale Frage zum Kardinalproblem der Epoche. Alle anderen mündeten in sie ein. Sie wurde zum Symbol dessen, was ungelöst schien, vom Wahlsystem bis zur Gesellschaftsordnung. Da lassen sich Parallelen mit Heute erkennen. Die soziale Ungleichheit ist wieder ein wichtiges Thema. Was treibt die Gesellschaft auseinander? Was hält sie zusammen? Welche Kräfte wirken gegen die Vereinzelung?

Das Stück
Das Stück beginnt mit einer Situation im Hause des Fabrikanten Dreißiger (dessen historisches Vorbild ein zu Reichtum gelangter Unternehmer namens Zwanziger war). Die Weber liefern ihren verarbeiteten Parchent ab und nehmen ihren Hungerlohn in Empfang. Dennoch wagen sie nicht aufzubegehren, denn der Verlust des Auftrags hätte katastrophale Folgen für die ganze Familie. Nur der offen revolutionäre Ton, den der „rote Bäcker“ anschlägt, rückt einen gewaltsamen Konflikt in greifbare Nähe. Im nächsten Akt wird das ganze Weberelend am Beispiel einer Familie gezeigt. Niedrige Stube, schreckliche Luft, am rasselnden Webstuhl sitzen im kaum beheizten Raum ausgemergelte, abgehärmte Gestalten. Der in die Heimat zurückgekehrte Soldat Moritz Jäger begeistert die an ihrer Lage verzagenden Weber mit dem so genannten Weberlied. Die zunehmende Unruhe unter den Webern veranlasst die Behörden, das Lied verbieten zu lassen, wodurch erbitterte Reaktionen der Betroffenen ausgelöst werden. Die revolutionäre Stimmung schlägt im vierten Akt in Aktion um. Die aufständischen Weber dringen plündernd und marodierend in Dreißigers Villa ein und zwingen den Besitzer zur Flucht. Pastor Kittelhaus, ein Verfechter der bestehenden Verhältnisse, wird bei dem Versuch, die aufgebrachte Menge zu beruhigen, misshandelt. Der Schlussakt zeigt aus der Sicht der Familie Hilse den Verlauf des Aufstandes. Das Ende ist nicht kämpferisch und agitatorisch, denn der alte Hilse, der aufgrund seiner religiösen Überzeugung den Aufstand verurteilt, kommt als Unbeteiligter um.

Die Weber" 1893
Max Baginski, der mit Gerhart Hauptmann das Gebiet der Weberaufstände bereiste, veröffentlichte seine Eindrücke in den Sozialistischen Monatsheften folgendermaßen: "Auf der Rückfahrt kommt die Rede immer wieder auf das Schicksal dieser vom modernen Industrialismus zur Verdammnis verurteilten Weber zurück. Ich frage Hauptmann, welche Wirkung er sich von einem Theater verspreche, das dieses Schicksal zu dramatischer künstlerischer Darstellung bringt. Er antwortet, seine Neigungen zögen ihn mehr Sommernachtsträumen, sonnigen Ausblicken entgegen, aber ein harter innerer Druck treibe ihn dazu an, diese Not zum Gegenstand seiner Kunst zu machen. Die erhoffte Wirkung? Die Menschen sind nicht gefühllos. Auch der Behagliche, Reiche muss sich im Innersten betroffen fühlen, wenn er solche Bilder entsetzlichen Menschenjammers vor seinen Augen aufsteigen sieht. Alles Menschliche stehe im Zusammenhang. Meinen Einwand, dass das Besitzrecht den darin Wohnenden Scheuklappen vor die Augen zu legen pflegt, will Hauptmann nicht als allgemein berechtigt gelten lassen. Er will das werktätige Mitgefühl in den Gutgestellten wecken. (...) Ich konnte mich dieser Betrachtungsweise nicht anschließen. Den Einfluss, den eine künstlerische Darstellung des Weberelends auf die Besitzenden ausüben konnte, schlug ich sehr gering an. Satter Tugend ist schwer beizukommen. Hingegen stellte ich mir vor, sie müsse eine große aufrüttelnde Wirkung auf die Massen der Leidenden selbst haben."
Diese Ansicht teilte auch der Berliner Polizeipräsident und begründete sein Aufführungsverbot folgendermaßen: "... Es steht zu befürchten, dass die kraftvollen Schilderungen des Dramas, die zweifellos durch die schauspielerische Darstellung erheblich an Leben und Eindruck gewinnen würden, in der Tagespresse mit Enthusiasmus besprochen, einen Anziehungspunkt für den zu Demonstrationen geneigten sozialdemokratischen Theil der Bevölkerung Berlins bieten würden ..."
In seiner Erwiderung vor dem Berliner Verwaltungsgericht, in der er das Aufführungsverbot der ‚Weber’ verhindern wollte, verwies Hauptmann auf den historischen Charakter seines Stückes, in dem er vergangene Ereignisse thematisiere und die Auswirkungen des schwierigen Übergangs von der Handweberei zur Maschinenweberei schildern wolle. Jegliche Agitationsabsicht bestritt der Autor.

Die Weber" 2004
Heute haben "Die Weber" den Ruf eines veralteten, im Naturalismus verhafteten und daher unspielbaren Stücks, dessen Qualitäten nur noch historisch zu sehen sind. "Bilder entsetzlichen Menschenjammers" lösen wahrscheinlich nur Fluchtgedanken bei Zuschauern aus. Im Bewusstsein dieser Probleme fragten wir Gil Mehmert, ob ihn das Stück interessiere. Er hat sofort die Herausforderung erkannt und angenommen: Klare Bilder mussten gesucht werden in einem reduzierten Raum, damit alle Spielorte ohne illustrierende Ausstattung in Armuts-Kitsch möglich wurden. Ort und Interieur sollen in den Köpfen der Zuschauer entstehen. Mit den Spielern musste eine adäquate Spielweise gefunden werden. Jegliches Pathos, das der Autor seinen Figuren in den Mund gelegt hat, musste vermieden werden, um unfreiwillige Komik zu vermeiden. Die Spieler zeigen in häufig wechselnden Rollen ihre Figuren sehr reduziert, aber gleichzeitig intensiv und mit dem Bewusstsein einer historischen Distanz: Rhythmus und Timing erzählen die Geschichte. So entsteht vor den Augen und mit der Vorstellungskraft der Zuschauer ein Requiem, ein Arbeits-Ballett, das die Mechanismen einer Gesellschaft vorführt, in der die Enteignung des Individuums durch Arbeit vorgeführt wird. Als Requisiten benötigen die Spieler ausschließlich ihre Kreativität im Umgang mit den schlichten Kostümen und ein 5 Meter langes Brett.
Und dann ist da noch der Text von Gerhart Hauptmann. Wir haben ihn gekürzt aber nicht vereinfacht. Das heißt auch, die Vorstellung wird in Schlesisch gespielt, weil das Schlesische ein Teil der Weber-Identität ist.

PS. Im Jahr des Weberaufstands 1844 beschäftigte sich Karl Marx in seinen frühen Schriften mit der "Entfremdung von der Arbeit".


Wir danken der Tonabteilung der Münchner Kammerspiele für die Probenbetreuung.



Auf den 23. Bayerischen Theatertagen 2005 ausgezeichnet mit dem REGIEPREIS für Gil Mehmert!

Regie:
Gil Mehmert
Bühne und Kostüme:
Heike Meixner
Musik:
Gerd Baumann
Es spielen:
Tamara Hoerschelmann
Berit Menze
Sebastian Hofmüller
Karl Korte
Thorsten Krohn
Hussam Nimr
Philipp Roos
Tim Kalhammer-Loew
Oliver Bürgin
Musiker:
Gerd Baumann
Anno Kesting

Spieldauer: 90 Minuten
Ab 15 Jahren


Premiere: 16.10.2004