             
|

|
Losflattern in die Welt
Frühlings Erwachen?
Nuran David Calis und Beat Fäh
Losflattern in die Welt
„Frühlings Erwachen“: Was für ein wunderbar poetischer Begriff. Er könnte eine Menge angenehme Assoziationen hervorrufen: Sonne auf der Haut, junges Grün in den Bäumen, Jasminduft, helle Mondnächte, Tagträumer und Nachschwärmer, Erwartung und Vorfreude. Eigentlich! Gleichzeitig steht diese Formulierung aber auch für die schwierige Entwicklungsphase zwischen Kindheit und Erwachsensein. Eine Zeit, in der man nicht mehr Kind ist und noch nicht erwachsen. Eine Zeit des Zweifelns und Verzweifelns, die so genannte Pubertät. Und plötzlich ist man mit lauter problematischen Themen konfrontiert: Sinnsuche, Verweigerung, Schulschwierigkeiten, Todessehnsucht, Gehirnbaustelle. Probleme statt Poesie.
Konsequenterweise hat Frank Wedekind sein gleichnamiges Stück 1890 im Untertitel „eine Kindertragödie“ genannt. 16 Jahre vergingen von der Fertigstellung bis zur Uraufführung. Bei der Premiere löste das Stück einen Skandal aus. Gefangen im festgeschnürten Netz bürgerlicher Sexualmoral des Wilhelminischen Kaiserreichs verurteilte man das Bühnengeschehen als Obszönität. Darüber kann man heute milde lächeln. Längst ist es kein Tabu mehr, über Sexualität zu sprechen; Aufklärungsnöte treiben junge Menschen nicht mehr in die Verzweiflung. Eine andere Schwierigkeit des Wedekindschen Stücks für heutige Jugendliche ist die vereinfachte Darstellung aller erwachsenen Figuren; sie wirken wie milde Karikaturen, die aus der Zeit gefallen sind.
Das wusste Nuran David Calis. In seiner Bearbeitung hat er diejenigen Fragestellungen herausgestellt, die vor hundert Jahren genauso wie heute jungen Menschen in der Lebensphase des „Frühlings Erwachen“ unter den Nägeln brennen: Der Hunger nach Leben ebenso wie das Gefühl, jegliche Kontrolle über sich verloren zu haben. Überfordernde Anforderungen der Erwachsenen und die Sehnsucht nach Freiheit. „Überschreiben“ nennt Calis seine Methode der Klassikerbearbeitung. Dabei bleibt der Geschichtsplot in seinen Grundzügen unverändert. Melchior, Moritz, Wendla, Martha, Otto und Ilse sind gleich alt und gehen zusammen zur Schule. Melchior ist Drittbester seiner Klasse; Moritz hat Probleme in der Schule. Seine Versetzung ist gefährdet. Er steht unter großem Druck und lernt bis zur Erschöpfung, um die Erwartungen seines Vaters zu erfüllen. Martha hat sehr strenge Eltern und ist verliebt in den total uncoolen Moritz. Ilse weiß schon ein bisschen mehr als die anderen Mädchen und gemeinsam philosophieren sie darüber, ob das Leben als Junge oder als Mädchen interessanter ist. Wendla wird schwanger. Melchior will nicht Vater sein. Moritz schafft die Versetzung nicht und bringt sich um.
Alle reden viel. Alle haben viel Energie, aber das Eigentliche sprechen sie nie an, obwohl sie es kennen.
Frühlings Erwachen?
Lust an Provokation
„Manchmal will ich nicht alt sein. Ist es schlimm, Mama, darüber nachzudenken? Vielleicht ist heute mein letzter Freitag. Wer weiß, vielleicht gibt es keinen Samstag mehr für mich. Dann sitzt du hier allein am Frühstückstisch.“ (Wendla)
Gewähren lassen
„Hab keine Angst, Mama. Wenn Du an meiner Stelle wärst, würdest Du Dich doch auch nicht von deiner Mama aufhalten lassen.“ (Wendla)
Extravaganz
„Eines Tages konnte ich mich nicht mehr zurückhalten. Ich gestand ihm, dass ich es war, die die ganzen Briefe geschrieben hatte und dass ich es nicht mehr aushalte, nicht von ihm berührt zu werden. Er gab mir einen Kuss und sagte, dass er das geahnt hatte, aber nichts gesagt hatte, weil es ihn unglücklich gemacht hat und er das Gefühl so mochte.“ (Ilse)
Eltern auf dem Prüfstand
„Manchmal denke ich, es müsste ihnen doch etwas fehlen, wenn sie keine so schlechte Tochter hätten wie mich. Mama riss mich am Zopf zum Bett heraus. Ich fiel mit den Händen voraus auf die Diele.“ (Martha)
Selbstfindung
„Ich bin so glücklich, ein Mädchen zu sein. Wenn ich kein Mädchen wär, brächt ich mich um, das nächste Mal. Ich freue mich jeden Tag, dass ich ein Mädchen bin.“ (Wendla)
Verunsicherung
„Warum sind wir auf der Welt? Werd ich je einen Job bekommen? Mit wie viel Frauen werde ich in meinem Leben schlafen?“ (Melchior)
Überschwang
„Another glorious day, the air as delicous to the lungs as nectar to the tongue. Come to the woods, for here is rest. There is no repose like that of the green deep woods. Here grow the wallflower and the violet. The squirrel will come and sit upon your knee, the lockcock will wake you in the morning.“ (Moritz)
Schlaglöcher
„Ich war ein Einzelkind. Meine Eltern arbeiteten den ganzen Tag. Sie waren kaum zuhause. Ich schmiss die Schule und verließ Deutschland und reiste zwei Jahre lang durch die Welt, einem ungewissen Traum hinterher, der Freiheit. Es hat gedauert, bis ich erkannte, dass es immer ein Traum bleiben wird, der sich niemals im Leben erfüllt.“ (Papa Stiefel)
Befangenheit
„Stell dir vor, du sollst dich vollständig ausziehen vor deinem besten Freund. Du wirst es nicht tun, wenn er es nicht auch tut.“ (Melchior)
Schulnoten
„Jetzt kann ich’s ja sagen: Wenn ich nicht versetzt worden wäre, hätte ich mich erschossen.“ (Moritz)
Hilfestellung
„Jetzt ist alles leicht für dich, weil du keine Entscheidungen treffen musst. Aber irgendwann muss man für sein Leben gerade stehen. Für Dinge, die man tut und für Dinge, die man nicht tut. Du bist noch nicht so weit, weil dein Inneres nicht so schnell wächst wie dein Äußeres.“ (Mama Bergmann)
Engagement
„Glaubst Du an den Scheiß? Aufopferung. Selbstlosigkeit. Briefe schreiben an irgendeine arme Wurst, die in Südamerika gefoltert wird und dann deinen Brief bekommt und wieder an das Gute im Leben glaubt und sich glücklicher weiter foltern lässt.“ (Melchior)
Hohlraum zwischen den Generationen
„Jetzt ist mein Junge noch ein Kind. Deshalb versuche ich, ihm jeden Tag den Weg zu weisen, auch wenn er das nicht mag. Später wird er es mir danken. Mit Sicherheit. Die Zukunft meines Jungen liegt in meiner vorausschauenden Kraft. Er soll es besser haben, als ich es hatte.“ (Papa Stiefel)
Erschütterung
„Ich bin kein kleines Mädchen. Los, schlag zu, du Idiot. Im Aushalten bin ich groß, nicht so wie die anderen Mädchen, die sofort Aua schreien.“ (Wendla)
Dornröschen
„Irgendwann werde ich zu ihm gehen und ihn festhalten. Dann werde ich ihm sagen, wie schön er ist und dass ich in meinen Leben niemanden gesehen habe, der schöner ist als er. Aber ich werde noch ein wenig warten, bis ich groß bin und er nicht mehr an mir vorbeigehen kann.“ (Martha)
Depression
„Das Leben ist von einer ungeahnten Gemeinheit. Ich hätte nicht übel Lust, mich in die Zweige zu hängen.“ (Melchior)
Dialog auf Augenhöhe
„Mein lieber Junge. Du bist alt genug, um wissen zu können, was dir zuträglich und was dir schädlich ist. Tu, was du vor dir verantworten kannst. Ich werde die Erste sein, die es dankbar anerkennt, wenn du mir niemals Grund gibst, dir etwas vorenthalten zu müssen.“ (Mutter Gabor)
Euphorie
„Ich will Tiefseetaucher werden. Ich will mich messen mit den Elementen. Dem Wasser. Der Kälte. Der Luft. Der Tiefe. Schwerelos schweben. Ich will frei sein. Ich will jemandem unter die Haut gehen. Ich will, dass mir jemand unter die Haut geht.“ (Moritz)
Stimmungschaos
„Ich weiß gar nicht, warum ich immer gegen alles bin. Es gab mal eine Zeit, da mochte ich das Leben, wie es war. Mit meiner Familie. Da war ich gegen gar nichts. Da war ich ganz dabei. Ich mag nicht mehr dagegen sein. Ich will mal wieder dabei sein.“ (Wendla)
Peinliche Eltern
„Du musst dich konzentrieren auf die wirklich wichtigen Dinge im Leben. Das ist jetzt deine Schule. Danach kannst du machen, was du willst. Ich sage dir, eines Tages wird schon der Richtige kommen.“ (Mama Bergmann)
Zuwendung
„Manchmal habe ich das Gefühl, dass mit jedem Jahr, das ich älter werde, die Temperatur um mich sinkt. Damals, als ich ein kleiner Junge war, war mein Vater arbeitslos. Er suchte sich ständig Aufgaben, um mir zu zeigen, dass er nicht einfach nur abhing. Er machte ständig Pläne für den ganzen Tag. Aber am meisten freute ich mich über den Nachmittagsschlaf mit ihm. Ich lag in seinem Arm, und dann wurde es ganz warum und ich schlief mit seinem Atem in meinem Nacken ein.“ (Otto)
Verheißung
„Gestern Nacht habe ich kein Auge zugemacht. Da hat es ganz doll in mir gebrannt und jetzt, wenn ich dich sehe und du so von dir erzählst, dann brennt es wieder. Jetzt weiß ich, dass du es bist, der in mir brennt und mir die Luft zum Atmen nimmt.“ (Wendla)
Erfolg
„Der Freund sollte ihr lieber teuren Schmuck schenken oder auf der Kirmes mit den anderen Jungs am Autoscooter stehen oder im Ring und den anderen ordentlich auf die Fresse hauen. Manchmal gehe ich nur deshalb auf die Kirmes, um die Jungs dort zu treffen, die abends nicht in die Clubs reinkommen, weil sie zu brutal aussehen.“ (Ilse)
Verweigerung
„Keiner hört zu, aber alle wissen, was ich meine. Ich will, dass es vorbeigeht. Schluss. Aus. Vorbei. Das Leben hat mir die kalte Schulter gezeigt. Das Leben ist Geschmacksache. Mir schmeckt es nicht.“ (Moritz)
Selbstvertrauen
„Ich bin eins mit mir.“ (Wendla)
Emotionale Nebel
„Ich bin nicht traurig. Ich bin wütend. Auf alle. Warum haben wir uns in dieser Nacht nicht hier getroffen? Jeder hat nur an sich gedacht. Wir alle sind schuld, weil wir nicht auf ihn aufgepasst haben. Wir hätten zusammen sein müssen. Er hatte nur uns. Wenn wir uns hier getroffen hätten, wie immer, wäre Moritz noch am Leben.“ (Otto)
Erschütterung
„Wenn Du gehst, dann werde ich mir selber fremd und dann will ich nicht mehr mit mir sein. Dann verstehe ich mich nicht mehr. Mit dir gibt es kein Richtig oder Falsch. Mit dir gibt es kein Wenn-aber-oder. Wenn du weggehst, dann habe ich keine Haut mehr, die mich zusammenhält. Wenn Du weggehst, kommt der Zweifel. Und der Zweifel bringt mich um.“ (Wendla)
Nuran David Calis und Beat Fäh
„Ich möchte Geschichten erzählen, die die Menschen berühren, ich möchte an deren Gefühle herankommen.“ So formuliert Nuran David Calis seine Suche. Er ist als Sohn armenisch-jüdischer Eltern in einem sozialen Problemviertel Bielefelds groß geworden. Früh verbrachte er seine Zeit mit Boxen und Hip-Hop. Zu Literatur und Theater kam er über Umwege. Ehe er ein Regiestudium an der Otto-Falckenbergschule absolvierte, verdiente er viel Geld als Türsteher. Inzwischen arbeitet er als Autor und Regisseur in Wien, Berlin, Dresden, Hamburg, Essen.
Beat Fäh, eine andere Generation als Nuran David Calis, kann keine „Street Credibility“ vorweisen. Er ist Schweizer und ging auf eine Klosterschule. Am liebsten arbeitet er mit Schauspielern, die im Widerspruch zwischen persönlichem Zugang und „Werktreue“ auf der Bühne stehen. Aus der Beschäftigung mit dem Text entsteht die Form der Inszenierung, nicht durch das Kopieren jugendlicher Moden und Verhaltens. Er sucht die Gradlinigkeit, das Unverkrampfte, die Entspannung im Körper. So entsteht eine selbstverständliche Leichtigkeit, die sich auf die Zuschauer überträgt und sie berührt. Und genau in diesem Punkt treffen sich Autor und Regisseur. |
|
Frühlings Erwachen! (LIVE FAST - DIE YOUNG) von Nuran David Calis nach Frank Wedekind |
|